






















In der Debatte um Social-Media-Verbote für Heranwachsende unter 16 Jahren wird das Erlangen von Medienkompetenz als wichtigstes Rüstzeug herausgestellt, um den Gefahren von Social Media nicht völlig schutzlos ausgeliefert zu sein. Dass Medienbildung allein nicht ausreicht, wird aber auch vielfach betont. Dass sie auch nicht flächendeckend und nach abgestimmten Qualitätskriterien Eingang in die schulische Arbeit findet, ist zudem Realität. In Niedersachsen will man dem Bedarf an Medienbildung seit diesem Schuljahr mit einem Social-Media-Führerschein für Schülerinnen und Schüler begegnen.
Das Materialpaket für die Schulen heißt „Social Media Pass“ und kommt vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ). Heise online konnte mit Hans-Jakob Erchinger sprechen, der sowohl Lehrkraft als auch Mitarbeiter des NLQ ist und auch schon bei der Entwicklung des Materials beratend mitwirkte. Er hat das Materialpaket mit einer siebten und achten Klasse ausprobiert und später noch eine zehnte Klasse in das Projekt eingespannt. Das Besondere an dem Konzept: Im Unterricht dürfen die Schülerinnen und Schüler ihre Smartphones mit bekannten Social-Media-Apps benutzen, werden aber auch gezielt in die Konfrontation geschickt. Erchinger erlebte bei seinem Praxisversuch auch schwierige Momente.
Das Materialpaket für den „Social Media Pass“ wurde Interessierten bereits am Tag der Medienkompetenz in Niedersachsen 2025 vorgestellt. In Gruppen konnten wir Erwachsenen selbst ein paar der Aufgaben ausprobieren. Sie haben dieses Paket nun auch im eigenen Unterricht mit der eigentlichen Zielgruppe auf den Prüfstand gestellt. Wie haben Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klasse auf das Angebot reagiert und was konnten Sie bei der Durchführung beobachten?
In beiden Lerngruppen, insbesondere bei der siebten Klasse, stieß das Thema „Social Media“ auf großes Interesse. Allein die Ankündigung, dass dafür die Handys im Unterricht benutzt werden dürfen, löste Begeisterung aus. Alle wollten sofort erzählen, was sie alles wissen und können, und fragten, ob sie die Handys sofort herausholen dürfen. Eines wurde mir bei diesem Praxistest aber schnell klar: Der „Social Media Pass“ ist kein Selbstläufer. Lehrkräfte brauchen Vorbereitung, selbst Medienkompetenz und eine vertrauensvolle Beziehung zur Klasse, damit offene Gespräche über digitale Erfahrungen wirklich möglich werden.
Müssten Lehrkräfte also vor der Nutzung des Materialpakets mit Schülern vorher selbst einen Kurs durchlaufen?
Ohne Grundkenntnis über soziale Medien wird es schwierig. Aber einen Lehrgang müssen Lehrkräfte nicht absolvieren. Hilfreich ist es, die Infokästen in den Materialien vorher zu lesen. Das ist auch notwendig, da recht viele Fachbegriffe auftauchen, die ich dann auch den Schülerinnen und Schülern erklären muss. Teilweise sind aber auch Schüler in der Rolle der Erklärenden, darin sehe ich aber eine Chance. Der Social Media Pass hilft auf jeden Fall dabei, mit Schülerinnen und Schülern richtig ins Gespräch zu kommen, und ist auch mehr als nur ein Materialpaket – er ist ein Türöffner, um Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, ihr eigenes Nutzungsverhalten zu reflektieren. Und wenn wir uns als Lehrkräfte entsprechend vorbereiten, liefert der Pass uns Lehrkräften ebenfalls das nötige Medienwissen, um mit den Schülern sprechen zu können.
(Bild:
NLQ, Medienberatung Niedersachsen
)Hans-Jakob, kurz Jako, Erchinger ist beim Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) im Fachbereich Medienbildung tätig. Dort ist er für den Bereich Journalismus und Schule zuständig. Als Lehrer für die Fächer Geschichte, Politik, Erdkunde und Religion lässt er journalistische Projekte in den Unterricht einfließen.
Was ist Ihnen in Bezug auf die Schülerinnen und Schüler aufgefallen? Wie erfahren waren sie schon mit Social-Media-Angeboten, obwohl sie ob ihres Alters eigentlich noch gar keine nutzen dürften?
Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. In den Klassen reichte das Spektrum von einem Schüler, der einen fast professionellen Store auf TikTok betreibt, bis zu Schülern, die Social-Media-Apps überhaupt nicht nutzen oder nur online gesteuerte Nutzungszeiten für das Smartphone von ihren Eltern haben. In beiden Lerngruppen habe ich diese Unterschiede gut mit der Methode des wahldifferenzierten Unterrichts adressieren können. Mein Ziel war es, die Schülerinnen und Schüler selbst zu Expertinnen und Experten zu machen und an den Teilbereichen zu arbeiten, die sie dann den Mitschülern vorstellten. Dazu eignet sich das Materialpaket auch ganz gut. Es gibt drei Module: Modul 1: Wie nutze ich Social Media? Beobachtung des eigenen Nutzungsverhaltens. Modul 2: Wie funktioniert Social Media? Algorithmen, Geschäftsmodelle und Datenschutz, und Modul 3: Wie wirkt Social Media? Auseinandersetzung mit Auswirkungen, Emotionen und gesellschaftlicher Verantwortung.
Wie gut hat das funktioniert? Wie viel Zeit konnte dafür im Unterricht aufgebracht werden?
Das war schon eine anspruchsvolle Zielsetzung für meine Erprobung in einer siebten Klasse mit 28 Schülerinnen und Schülern im Fach Werte und Normen und nur sechs Wochen Zeit für das Thema. In einer achten Klasse erprobte ich das Material in den Projekttagen zum Thema Digitalisierung. Das musste innerhalb von acht Unterrichtsstunden geschehen. Und das eine Jahr älter macht schon viel aus, denn das Material ist auch sprachlich recht anspruchsvoll, wobei Prävention ja gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern dringend notwendig ist, was wiederum der Einsatz in Klasse 7 sehr deutlich gemacht hat. Daher wird aktuell auch schon an einem weiteren Paket für die Klasse 5/6 gearbeitet, das etwas einfacher gestaltet sein wird.
Welche Durchführungsdauer hat sich als besser erwiesen? Und konnten die verschiedenen Arbeitsgruppen die Module jeweils gut bearbeiten und dann auch den anderen Schülerinnen und Schülern vermitteln?
Die Arbeit an ganzen Projekttagen eignet sich eigentlich besser für die Arbeit mit dem Social Media Pass. Und es hat sich bestätigt, dass die Schüler in der 10. Klasse ihr Nutzungsverhalten schon viel besser reflektieren können als die Jüngeren. Ich glaube, dass die 16-Jährigen daher auch die besten Vermittler für die jüngeren Schülerinnen und Schüler sein können – man den Social Media Pass also gar nicht nur exklusiv für eine Klasse oder einen Jahrgang denken sollte, sondern auch über Altersgruppen hinweg daran arbeiten kann. Das habe ich dann auch so ausprobiert.
Bei der Erprobung des Materials habe ich das Thema „Wie Social-Media-Plattformen um deine Aufmerksamkeit kämpfen“ zum Teil in der Gesamtgruppe durchgeführt, weil sich das als besser herausstellte. Diese Aufgabe war für mich auch wirklich erhellend.
Warum?
Das Highlight im Modul 3 ist die Phase, in der die Schüler in kurzen Zeitabschnitten von nur wenigen Minuten mit den Social-Media-Apps arbeiten sollen. Alle Schülerinnen und Schüler waren sehr ruhig und dennoch aufgeregt. Im Material bei der Aufgabe „Arbeit am Handy“ heißt es: „Öffne eine App, in der du endlos scrollen kannst (zum Beispiel TikTok, Instagram oder YouTube) und scrolle 2 Minuten.“ Dann kommen die Fragen im Arbeitsblatt: „Wie viele Inhalte hast du ungefähr gesehen? Wolltest du weiter scrollen? Begründe deine Antwort in einem Satz.“
Ich konnte dann Folgendes feststellen: Es ist nahezu unmöglich, 28 Schüler, die durch Dopamin komplett fokussiert sind, nach zwei Minuten wieder von ihren Handys zu trennen und über ihr Verhalten reflektieren zu lassen. Wir mussten diese Phase mindestens um zehn Minuten verlängern.
Was denkt man, wenn man diesen Effekt so drastisch vorgeführt bekommt – ihn sogar provoziert?
Für mich war das selbst ein großer Erkenntnisgewinn. Ich sehe als Lehrkraft, was Kinder – unversteckt – konsumieren und in welcher Situation sie sich dann befinden. In Bruchteilen von Sekunden werden die Schülerinnen und Schüler meist mit KI-Inhalten konfrontiert. Kaum ein Film wird zu Ende geschaut, Werbung und Medieninhalte zu Sport, Hobbys und verschiedensten Dingen strömen auf sie ein. Nur durch meine Lenkung ließ sich dann erreichen, dass einzelne Sequenzen reflektiert werden. Mir hat das gezeigt, wie wichtig unsere Rolle ist, um auf die Reflexionsebene zu kommen. Diese Aufgabe des Materialpakets durchzuführen, mag erschrecken, dennoch empfehle ich, diese Phase so umzusetzen. In keiner anderen Situation kann ich als Lehrkraft in dieser Deutlichkeit erfahren, wie die Lebenswelt unserer Schüler teilweise über mehrere Stunden aussieht.
Diese Erfahrung klingt gravierend. Ist der Social Media Pass vor diesem Hintergrund überhaupt ausreichend, um Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Social Media zu sensibilisieren?
Es braucht ganz sicher regulatorische Veränderungen und trotzdem bin ich der Meinung – auch gerade nach diesen Praxiserfahrungen: Verbote allein reichen nicht aus. Auch wenn soziale Medien stärker reguliert würden, bleibt die Aufgabe, Jugendliche über die technischen, wirtschaftlichen und psychologischen Mechanismen der Plattformen aufzuklären. Wer Empfehlungsalgorithmen, Aufmerksamkeitsökonomie und Geschäftsmodelle nicht versteht, kann soziale Medien kaum selbstbestimmt nutzen. Denn die Nutzung geht auch nach Verboten weiter, wie wir an dem Beispiel Australien sehen.
Aus meiner Sicht leistet das Material des Social-Media-Passes deshalb Wichtiges: Es gibt uns Lehrkräften einen Baukasten, um das Thema Social Media aufzugreifen, und die Jugendlichen brauchen Hilfe! Nicht nur, dass sie im Unterricht extrem abgelenkt werden; der Unterricht selbst findet immer mehr mit digitalen Geräten statt. Das heißt, wir liefern die Geräte, die für das Lernen genutzt werden sollen, aber öffnen auch die Tür zur Nutzung von Social-Media-Plattformen. Damit liegt auch Verantwortung bei uns. Daher plädiere ich für eine aktive Medienarbeit – auch mit sozialen Medien. Die aktive Medienarbeit ist immer der Königsweg der Medienbildung, das gilt auch für das Digitale. Daher begrüße ich auch das Betreiben von schulischen Social-Media-Accounts. Auch hier ist Kompetenz von außen wichtig. Ein Social-Media-Führerschein, der nach Prüfung von der Schule erteilt wird, sollte im nächsten Schritt dazu befähigen, in der Social-Media-AG mitzuarbeiten. Auf diesen schuleigenen Kanälen, die mit der Webseite der Schule verknüpft sind, sollte die Schule den vorbildlichen Umgang beispielhaft zeigen.
Sie haben erwähnt, dass Sie später auch über Jahrgänge hinweg gearbeitet haben. Wie genau lief das ab?
Ja. Am Anfang stand die Erprobung in der siebten Klasse. Mit diesen Erfahrungen konnte ich Kollegen zum Einsatz im Projektunterricht überzeugen. Zum Schluss habe ich im Informatikunterricht eine Gruppe aus einer zehnten Klasse einen Videofilm produzieren lassen, der jüngere Schüler über Social Media informiert. Grundlage dafür war auch wieder der Social Media Pass. Ich wollte, dass sich die Schüler der zehnten Klasse mit dem Material auseinandersetzen, aber auch die Jüngeren von dieser Arbeit profitieren, indem die Module aus Schülersicht erklärt und nähergebracht werden.
Schon in der siebten und achten Klasse war zu beobachten, dass sie in ihren Kleingruppen zu Expertinnen und Experten ihres Themas werden. Sie setzten sich intensiv mit den Inhalten auseinander und eigneten sich diese eigenständig an, um sie dann ihren Mitschülern vorstellen zu können. Ich konnte dabei sehen, dass die Schülerinnen und Schüler selbst den Ton und die Sprache finden, die bei ihren Mitschülerinnen und Mitschülern tatsächlich ankommt.
Der Kern eines sinnvollen Umgangs mit diesem Themenfeld liegt nach meiner Erfahrung tatsächlich darin, dass Jugendliche zunächst den technischen, psychologischen und wirtschaftlichen Hintergrund erhalten und diesen anschließend in ihre eigene Sprache übersetzen. Erst dadurch wird aus abstraktem Wissen eine Diskussion auf Augenhöhe.
Sie hatten am Anfang darauf hingewiesen, dass Lehrkräfte wenigstens ein bisschen Vorwissen mitbringen sollten, um das Materialpaket zu nutzen. Gibt es über das Paket hinaus gute Materialien, um diesen Themen näherzukommen und sich mehr Wissen anzueignen?
Ich kann – ob für Lehrkräfte oder Schülerinnen und Schüler – die ZDF-Doku „Jung, online, süchtig“ und die Netflix-Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ empfehlen. Sie informieren und liefern gute Screenshots und Ausschnitte, um über Social Media und seine Auswirkungen zu diskutieren.
Der Titel der Netflix-Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ ist bezeichnend für die Situation der Schüler in der siebten Klasse: Ihr Leben spielt sich online ab, sie sind stolz darauf, sich mit der Technik der Apps auszukennen, sich dort auszuprobieren, und gleichzeitig ahnen sie schon, dass die Nutzung auch Nachteile für sie hat, dass sie darunter leiden, und sie wissen auch, dass sie süchtig werden können.
Ich habe diese Dokus auch in meinen Unterrichtseinheiten genutzt und insbesondere Ausschnitte aus der ZDF-Doku haben die Schüler wirklich betroffen gemacht und noch einmal mehr motiviert, sich in der Gruppenarbeit vertieft und reflektiert mit den dargestellten Themen auseinanderzusetzen.
(kbe)
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