























In China wurden im Mai nur noch rund 1,5 Millionen Fahrzeuge verkauft. Das entspricht einem Minus von 22 Prozent verglichen mit demselben Vorjahresmonat. Zwischen Januar und Mai sanken die Verkäufe zudem um fast 20 Prozent gemessen am Wert desselben Vorjahreszeitraums, wie aus Daten des chinesischen Verbands für Personenkraftwagen (CPCA) hervorgeht. Dazu zeigt sich ein klarer Trend: Der Exportanteil steigt stetig, die Verkäufe im Inland sinken.
Bislang galt China als Markt mit Wachstumsaussichten. Die Annahme beruhte auch darauf, dass die Mittelschicht und damit die Zahl kaufkräftiger Kundschaft mit einem potenziellen Autowunsch wächst. Laut staatlichen Medien gelten mehr als 400 Millionen der 1,4 Milliarden Einwohner Chinas als Teil der Mittelschicht. Schätzungen gingen bislang davon aus, dass diese Zahl bis 2030 deutlich steigen wird.
CPCA-Generalsekretär Cui Dongshu argumentiert, dass vor allem der Rückzug staatlicher Hilfen den Absatz belaste. Hinzu kämen die hohen Benzinpreise seit dem Beginn des US-Iran-Kriegs Ende Februar und die schwache Kaufkraft vieler Verbraucher. Die Entwicklung verlief dabei in zwei Stufen. Seit Jahresbeginn litt besonders die in China als „Neue Energieautos“ (NEV) bezeichnete Gruppe der Elektromobilität – Elektroautos und Plug-in-Hybride – unter den zurückgefahrenen Kaufanreizen. Seit Beginn des Kriegs und den gestiegenen Kraftstoffpreisen verschob sich der Druck dann zu klassischen Verbrennern.
Laut der Internationalen Energieagentur könnten hohe Ölpreise den globalen E-Auto-Boom mittelfristig sogar zusätzlich befeuern, da Länder verstärkt auf Kaufprämien für Elektrofahrzeuge setzen dürften. Diese Entwicklung zeigt sich grundsätzlich auch in China: Allein im Mai brachen die Verkäufe von Neuwagen mit Verbrennungsmotor um 39 Prozent ein, während NEVs nur noch einstellig im Minus lagen. Parallel stieg ihr Anteil am Pkw-Markt auf mehr als 60 Prozent. In der EU erreichten Elektroautos bis April 2026 fast 20 Prozent Marktanteil, während Verbrenner zweistellig einbrachen.
„Chinesische Kunden sind extrem preissensitiv und reagieren auf solche Änderungen sehr stark“, sagt die deutsche Autoexpertin Beatrix Keim. Der Markt habe seit etwa Oktober 2025 von den Änderungen bei E-Auto-Anreizen gewusst. Deshalb seien Käufe vorgezogen worden. Zugleich hätten Hersteller und Händler Fahrzeuge in den Markt gedrückt.
Hinzu kommt die schwache Konsumstimmung. Viele Verbraucher halten sich zurück. Die in China andauernde Immobilienkrise belastet Vermögen und Vertrauen. Parallel dazu haben sich die Verkaufserwartungen der Branche drastisch verschlechtert: Der Branchenverband CPCA rechnet für 2026 nun mit einem Rückgang der Verkaufszahlen um elf Prozent – statt der ursprünglich prognostizierten ein Prozent. Laut Keim haben viele Kunden mit Kreditrückzahlungen aus Immobiliengeschäften zu kämpfen. Ein Auto ist für viele Haushalte damit eine Anschaffung, die sich leichter verschieben lässt.
Für Deutschlands Autohersteller, die viel Umsatz in China machen, sind die Entwicklungen alarmierend. „Der chinesische Automobilmarkt steht unter zunehmendem Druck“, heißt es aus dem Volkswagen-Konzern in Peking. Man erwarte nicht, dass sich der Markt im Jahresverlauf erhole und rechne damit, dass der Gesamtmarkt für Neufahrzeuge in diesem Jahr auf unter 21 Millionen Fahrzeuge zurückgehen werde.
„Die Volkswagen Group China kann sich diesem Trend nicht entziehen. Wir passen unsere Pläne entsprechend an“, hieß es weiter. VW will seine China-Strategie fortführen und sieht sich mit seinen Neuausrichtungen und der Modelloffensive für NEV-Fahrzeuge „gut aufgestellt“. Auch Mercedes-Benz und BMW haben in China lange stark vom Verbrennermarkt profitiert. Bei NEVs sind chinesische Hersteller dagegen oft schneller, günstiger und näher an den Erwartungen chinesischer Kunden.
Doch auch Hersteller aus China stehen unter Druck. Der Heimatmarkt schwächelt, der Preiskampf bleibt hart, und viele Unternehmen haben Überkapazitäten aufgebaut. Ein wichtiger Ausweg ist deshalb der Export. Allein im Mai stiegen die Pkw-Ausfuhren laut CPCA um rund 75 Prozent. Besonders in Mittel- und Südamerika, Australien, Südostasien und Afrika sieht Cui große Chancen für chinesische Hersteller. Der Druck verschiebt sich nach außen, indem chinesische Hersteller einen Teil der Schwäche im Heimatmarkt über Auslandsmärkte abfedern.
Damit erklärt sich womöglich auch die Gelassenheit bei manchen Marken. Nio – bislang in Deutschland eher durch sehr schwache Verkäufe aufgefallen – lieferte nach eigenen Angaben von Januar bis Mai 150.526 Fahrzeuge weltweit – ein Plus von 68,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Für Nio stehen langfristige Trends im Vordergrund und nicht kurzfristige Marktschwankungen“, heißt es dazu von Nio. Chinesische Branchengrößen wie Geely und BYD ließen Anfragen unbeantwortet.
Beim Ausblick gehen die Expertenmeinungen auseinander. Keim sieht das schnelle Wachstum der vergangenen Jahre vor allem als Folge der Förderung. Dieses Wachstum werde sich nun abschwächen. Die Preiskämpfe dürften weitergehen, sagt sie. Für die Hersteller blieben Kostensenkungen, weniger Modellvarianten und eine bessere Kommunikation ihrer neuen Produkte wichtige Stellschrauben.
Cui hält den Einbruch dagegen nicht für einen dauerhaften Trend. Die Autodichte in China sei weiterhin deutlich niedriger als in Deutschland. Der Markt sei also nicht grundsätzlich gesättigt. Das Problem sei derzeit vor allem, dass sich viele Menschen kein Auto leisten könnten.
(mfz)
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