






















20 Jahre sind keine kurze Zeit. Menschenkinder werden in dieser Zeit zu Erwachsenen, Generationenwechsel stehen an. Aber schlagen wir uns wirklich schon seit 20 Jahren mit den sogenannten „sozialen Medien“ herum? Während der in dieser Woche anberaumten OECD-Veranstaltung „Ein sicheres Netz für Kinder und Jugendliche: Verbote, Voreinstellungen, (Selbst-)Verantwortung – was wirkt?“ mochte die Zeitspanne zunächst zum Nachrechnen verleiten, aber setzt man die Gründung von Facebook als Meilenstein an – das war im Jahr 2004 –, lässt sich nur anerkennen, dass die manchmal so frisch wirkende Social-Media-Welt doch schon ein paar mehr Jährchen auf dem Buckel hat, als man gerne glauben mag.
Dass während der Veranstaltung die Zeitspanne von 20 Jahren mehrfach von verschiedenen Seiten betont wurde, hatte einen einfachen Grund. Die allgemeine Frustrationstoleranz scheint erschöpft – über die verschiedensten gesellschaftlichen und auch kulturellen Grenzen hinweg. Die lautstarke Gegenwehr ist ein internationales und auch anhaltendes Phänomen. In Deutschland wartet man mittlerweile sehnlichst auf die Handlungsempfehlungen der Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, um vom Lamentieren ins Handeln zu kommen. Der fast erschöpft wirkende Tenor der OECD-Veranstaltung war deshalb auch: Es liegen 20 Jahre einer weitestgehenden Selbstregulation von Social-Media-Angeboten hinter uns und auch der gutmeinendste und geduldigste Mensch ist sich nun sehr sicher, dass von den marktbeherrschenden Plattformen unter diesen Voraussetzungen kein ernstzunehmender Jugendschutz zu erwarten ist. Man wird den Plattformen also nur mit mehr Regulation beikommen können. Reumütige Augenaufschläge und ein bisschen Kosmetik haben ihre Wirkung verloren.
Kristina Beer ist Redakteurin bei heise online und schreibt dort unter anderem zur Digitalisierung im Bildungswesen. Der interdisziplinäre Blick auf technische Neuerungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft prägt ihre Arbeit.
Regulation ist allerdings mühselig. Darin waren sich die Panel-Teilnehmer einig. Darunter unter anderem Bundestagsmitglied Dr. Konrad Körner (CDU/CSU). Neben dem Politiker der aktuellen Regierungsfraktion waren noch der klinische Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Sven Lindberg, der österreichische Lehrer Fabian Scheck, Amy Kirchhoff von der Bundesschüler*innenkonferenz und die OECD-Beschäftigten Sebastian Ordelheide (Head of Communications for Science, Technology and Innovation), Jeremy West (Senior Policy Analyst) und Nicola Brandt (Moderatorin) dabei. Ordelheide lieferte zum Einstieg interessante Zahlen: In 25 OECD-Mitgliedstaaten und Beitrittskandidaten sind Altersbeschränkungen für soziale Medien bereits in Kraft, wurden verabschiedet oder werden aktiv geprüft – gegenüber nur einem Land im Jahr 2023. Das zeigt, wie viel Momentum in der Debatte steckt. Recht einhellig wird unter diesen Ländern eine Zugangsbeschränkung bis zum Alter von 15 und 16 Jahren gefordert.
Entwicklung der Länderentscheidungen zu Altersgrenzen für Social Media.
(Bild: OECD)
Dass ein besserer Schutz von Heranwachsenden nötig ist, unterstrich unter anderem Entwicklungspsychologe Lindberg von der Universität Paderborn, der von verschiedenen Untersuchungsergebnissen zum Thema Smartphones und Social Media berichtete. Konzentration und auch Selbstregulation seien Fähigkeiten, die Menschen erwerben müssten. Die Anziehungskraft sozialer Medien und auch schon nur die pure Präsenz eines ausgeschalteten Smartphones im Raum beeinflussen das Verhalten von Jung und Alt. Während heutige Erwachsene noch mit Dumbphones und zum Teil noch ohne Social Media wie Facebook, Twitter/X, TikTok, Instagram oder Snapchat groß geworden sind, wachsen heutige Kinder mit Smartphones und diesen Diensten auf. Lindberg zufolge sollten genau diese Heranwachsenden besser geschützt werden, um überhaupt wichtige Lebenskompetenzen wie Selbstregulation und Konzentration erlernen zu können. Sie seien besonders vulnerabel.
Seine Ausführungen wurden von Lehrer Fabian Scheck unterstützt, der in Österreich das immer größer werdende Handyexperiment mit Schülerinnen und Schülern durchführt und sowohl von seinen direkten Beobachtungen als auch den wissenschaftlichen Auswertungen zum jugendlichen Wohlbefinden berichten konnte. Nach den jeweils 21 Tagen ohne Smartphone habe das allgemeine Wohlbefinden zugenommen und sich das Nutzungsverhalten zu einem wesentlich reflektierteren verändert. Heavy-User hätten teilweise bis zu 7 Tage mit Entzugserscheinungen zu kämpfen gehabt. Begleitet wird das Handyexperiment unter anderem von der größten österreichischen Suchtklinik – dem Anton-Proksch-Institut.
Das Panel, insbesondere Amy Kirchhoff von der Bundesschüler*innenkonferenz, betonte zwar auch wiederholt positive Eigenschaften von mobilen Geräten oder sozialen Medien, prangerte aber an, dass diese positiven Effekte die negativen nicht aufwiegen. Zudem erklärte selbst Konrad Körner von der CDU, dass die normalerweise reflexhafte Forderung nach mehr „Medienkompetenz“ nicht weiter dazu genutzt werden dürfe, die großen Plattformen so weiter machen zu lassen wie bisher. Abgelehnt wurde auch die schnell von den Lippen gehende Verantwortungsverschiebung Richtung der Erziehungsberechtigten. Vielmehr wurde unterstrichen: Social Media in seinem heutigen Design schadet nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen – also allen. Jede Designanpassung für mehr Jugendschutz – wie etwa Safety und Privacy by Design – könne auch allen anderen Nutzerinnen und Nutzern zugutekommen. Und während man reflexhaft Verbote ablehnen oder auch Alterskontrollen als fehleranfällig und umgehbar und damit nutzlos brandmarken könne, so führten die Maßnahmen trotzdem zu einem Druckaufbau gegenüber den Plattformen und hielten zumindest einen Teil der Heranwachsenden von der Nutzung ab. Dies habe auch der Präzedenzfall Australien gezeigt. Gelobt wurde, dass Australien die mit dem Verbot einhergehenden Probleme nicht verschweige und damit eher zu einer besseren Lösungsfindung beitrage.
Jeremy West von der OECD und auch Körner erklärten indessen, dass unter anderem die verschiedenen regulatorischen Ebenen in der EU eine Regulation kompliziert machen. Auch der Rechtsrahmen für Alterskontrollen sei fragmentiert. Da sich nun allerdings viele Länder in ihrem grundsätzlichen Ziel einig seien, dass es ohne eine Regulation nicht weitergehen kann, könne gehofft werden, dass man bei der Lösungsfindung vorankomme.
Der Status quo auf Seiten der Plattformen sei bisher, dass bestehende Altersbeschränkungen nicht wirklich durchgesetzt werden und schädigende Inhalte und Algorithmen auf der Tagesordnung stehen. Sie machten sich zum großen Teil nicht einmal die Mühe, Gefahren zu klassifizieren und Leitlinien zum Take-down zu entwickeln. Die Wenigsten würden hierzu Transparenzberichte herausgeben. So stellt die OECD unter anderem fest: „Child sexual exploitation and abuse (CSEA) material ist konkret, kriminell und nimmt zu. Viele der größten Plattformen berichten nicht einmal darüber.“
Es gibt Risikomodelle für Social Media. Der OECD zufolge glänzen Plattformen mit fehlender Transparenz bei Risikoeinschätzung, -erkennung und -mitigation.
(Bild: OECD)
So ist nun also abzuwarten, ob die aktuelle internationale Entschlossenheit, mehr Jugendschutz für Social Media zu erzwingen, erhalten bleibt. Wenn der für diesen Sommer versprochene Bericht der Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ da ist, sollte auch die Positionierung Deutschlands in dieser Debatte endlich klarer werden.
(kbe)
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