Im Fachblatt journalist beschreibt Mareice Kaiser die prekäre Situation des Journalismus und zitiert eine Kollegin: „Investigativer Journalismus als Freie ist aktuell ein Ehrenamt.“ Eva Wolfangel deckt in „KI und das Ende des Journalismus“ am 26. Juni 2026 nun die fehlende Durchsetzung des Urheberrechts auf: Wer fremde Recherche übernimmt und als eigene ausgibt, gewinnt Leser für sich und entzieht den Urhebern die Grundlage. Durch KI ist das einfach und durch diverse Monetarisierungsstränge, die dem seriösen Journalismus verwehrt bleiben, höchst lukrativ. it-boltwise.de veröffentlicht rund 1.500 Artikel pro Tag, ohne eine Redaktion.
Mit dem Einzug der Personal Computer verkündete Roger Fiedler »Everybody’s a journalist«. Durch das Internet kann nun jeder Mensch journalistisch tätig sein. Seit dem Launch von großen Sprachmodellen droht dies in »Everything’s a journalist« zu kippen. Doch Sprachmodelle können missbraucht werden, wenn Akteure die Verletzung des Urheberrechts in Kauf nehmen und die Strafe ausbleibt.
Basisinformationen zu der Funktionsweise des digitalen Wettrüstens um Wahrnehmung stehen in Die Prompt-Wissenskluft – Wer weiß noch, dass er nicht weiß?
Wer „it boltwise“ bei Bing sucht, bekommt oben eine KI-Zusammenfassung von Microsofts Copilot: it-boltwise sei „eine führende deutschsprachige Plattform für IT-News, KI und Robotik“, gegründet 2017 in New York. Als Beleg dient ein Blogverzeichnis. Von der Briefkastenfirma auf den Seychellen, die den Betrieb verantwortet, oder davon, dass Quelle fehlen, steht dort nichts. Was die Seite über sich selbst verbreitet, reicht die Suchmaschine ungeprüft weiter.

Die Seite listet 549.563 Artikel. 2024 waren es 11.813, 2025 schon 264.015, bis Juni 2026 kamen 273.112 hinzu; der kleine Rest stammt aus den Jahren davor. In einer Stichprobe von 225 geprüften Texten finden sich kaum Quellen. Betrieben wird die Seite von der B.W. Corp. auf den Seychellen, IBC 192374; die Werbeflächen vermarktet ORORA EMEA Technologies Ltd. aus Larnaca auf Zypern.

post-sitemap*.xml von it-boltwise.de (Stand 27. Juni 2026), ausgewertet über den Zeitstempel <lastmod>. Werte ab 2024, weil der automatisierte Massenbetrieb erst dann einsetzte. Eigene Auswertung; Skript und Rohdaten siehe unten
Wie schnell ein KI-Plagiat im Netz verlinkt wird und sich dadurch im Netz manifestiert
Ende April veröffentlichte Die Zeit eine Recherche. Hunderte mit KI gebaute Webseiten legten über unsichere Supabase-Voreinstellungen sensible Daten offen. Einen Tag später, am 29. April 2026, stand der Befund bei it-boltwise, unter dem Titel „Offene Datenbanken im Netz: Sicherheitsrisiken durch KI-Agenten“.
Erst aufgreifen, dann monetarisieren, dann spurlos löschen.
Die damalige Presse-Rundschau dieses Blogs verlinkt diesen it-boltwise-Artikel bis heute. Heute steht unter dieser Adresse: „Seite wurde nicht gefunden.“ it-boltwise hat den Artikel gelöscht. Auch das Archiv des Internets, die Waybackmachine, hat diesen Artikel nicht gespeichert.
Woher die KI-Texte ihre Themen nehmen
it-boltwise findet seine Themen unter anderem auf Hacker News. Das legen Beiträge zu Nischen nahe, die sonst nirgends auftauchen. „Hallucinate“ ist das Browser-Spielzeug eines einzelnen Entwicklers, ein gemeinsamer virtueller Rave, ohne Pressemitteilung und ohne jede Berichterstattung außer einem einzigen Hacker-News-Eintrag. Fünf Tage später stand ein deutscher Artikel darüber auf it-boltwise.
Die KI nutzt News-Aggregatoren wie Hacker News als Ideengeber für neue Beiträge.
In einer Stichprobe von 34 solcher Nischenbeiträge deckte die Seite vier ab. Alle erschienen zwei bis fünf Tage nach dem Hacker-News-Eintrag, keiner davor. Den Text schreibt it-boltwise dann aus der englischsprachigen Quelle, auf die der Eintrag zeigt.
Wen es trifft: fremde Recherche ohne Quellenangabe
Von 30 der aktuell auf der Hauptseite verlinkten Artikel waren zwölf übernommene Fremdrecherche. Die Vorlagen stammten unter anderem von Kaspersky, CNBC, NBC News, Seeking Alpha, der Hoover Institution, der Universität Duisburg-Essen, der University of Chicago und aus einem Forschungsbericht von Anthropic.
Am 20. Dezember 2025 übersetzte it-boltwise eine Investigativrecherche von Reporter ohne Grenzen über ResidentBat, eine Spyware des belarussischen Geheimdienstes, Satz für Satz, ohne die Organisation zu nennen. Das Original war drei Tage zuvor erschienen. Eine Organisation, die für die Pressefreiheit eintritt, finanzierte so unbemerkt den Affiliate-Traffic einer Briefkastenfirma auf den Seychellen.
Eine KI-Autorin, die es nicht gibt
Fast alle Artikel zeigen ein Bild von einer Frau mit dem Namen „Melanie Schirmer“. Das Foto wird so geladen, dass man vermuten könnte es sei die Autorin. Dahinter verbirgt sich jedoch ein Affiliate Link zu Amazon. So wundert es auch nicht, dass das Bild von einer Datei namens saskia-ss.png lädt. Der maschinenlesbare Quelltext der Seite nennt als Autor „Boltwise Press Club“. Dieselbe Melanie Schirmer schreibt am selben Tag dutzendfach über Schadsoftware, US-Börsenwerte und Sportmedizin. Im Impressum räumt der Betreiber wenigstens ein, Inhalte per KI zu erzeugen.
Google News, Affiliate-Links und ein Briefkasten auf den Seychellen
Zwei unabhängige Dienste schätzen die Reichweite in derselben Größenordnung. Semrush kommt für Februar 2026 auf rund 1,07 Millionen Besuche im Monat, gut die Hälfte davon aus der Google-Suche, dazu 257.000 Backlinks. Ahrefs kommt für die organische Suche unabhängig auf 535.600 Besuche und schätzt deren Marktwert auf 101.200 Dollar im Monat. Dies ist fast genau die Hälfte dessen, was Semrush der Suche zurechnet. 61 Prozent der Leser sitzen in Deutschland, 25 Prozent in der Schweiz, 14 Prozent in Österreich.
Bestimmte Beiträge von it-boltwise finden Suchmaschinen so gut, dass sie auf Platz eins angezeigt werden. Suchbegriffe wie „renk aktie“, „bitcoin kurs dollar“ oder „xrp news“ gehören dazu. Google listet die Seite als News-Publisher. Die Beiträge erscheinen in denselben Feeds wie die von Verlagen mit Redaktion. So kann der Nachbau sichtbarer sein als das Original. it-boltwise ist auf Auffindbarkeit gebaut: offen, ohne Bezahlschranke, technisch auf Suchmaschinen optimiert.
Die Recherchen, von denen diese Seite lebt, stehen oft hinter einer Bezahlschranke oder existieren nur auf Englisch. Diese Sichtbarkeit ist ein eigener Markt, den Performance-Marketing, SEO und Affiliate-Links mit KI seit Jahren bespielen. it-boltwise bedient ihn, ohne die Recherche dahinter.

In einem einzigen Artikel zählt man 66 Amazon-Affiliate-Links, alle unter demselben Kürzel, boltwise-21. Dazwischen StepStone-Stellenanzeigen, im Fließtext.
Auf der Vermarktungsplattform Whitepress wird it-boltwise als Werbeträger gehandelt. Ein bezahlter Artikel kostet 350 Euro netto, eine nachträglich in einen bestehenden Text gesetzte Verlinkung ebenfalls 350 Euro, eine Markenerwähnung 280 Euro. Die Links sind als „DOFOLLOW“ ausgewiesen und bleiben mindestens zwölf Monate stehen, für Google also gewichtet. In der Rubrik „Als Werbung gekennzeichnet“ steht: „nicht gekennzeichnet“. Buchbar sind die Beiträge unter anderem für Glücksspiel, Kryptowährungen, Forex und Darlehen. Es sind dieselben Felder, für die die Seite bei Google ganz oben steht.

Was als Recherche einer Originalquelle begann, wird zu Klicks, Provisionen und Werbeplätzen für den Briefkasten auf den Seychellen.

Zahlen ohne Herkunft: Wenn ungeprüfte Daten zur Quelle werden
Die Plattform rentahuman.ai wies auf ihrer Startseite 571.847 Nutzer aus. Wie viele davon echt waren, konnte nicht bestimmt werden. Viele Profile waren leere Hüllen, manche fanden sich vielfach wieder, und ob die angezeigte Zahl überhaupt reale Konten meinte, war am Ende nicht eindeutig zu zählen. Forbes, Nature, Die Zeit und Business Insider druckten sie trotzdem nach. Aus einer Zahl wurde eine Quelle. Dort gewinnt eine ungeprüfte Zahl durch bloße Wiederholung Autorität, bei it-boltwise verliert eine echte Recherche ihren Urheber.
Bleibt die Frage, die Wolfangel stellt und Kaiser beziffert. Lohnt sich Recherche noch? it-boltwise hat von außen beurteilt eine einzige Redakteursstelle, ohne ein einziges Quellengespräch und ohne eine einzige Reisekostenabrechnung, über eine Million Besuche im Monat aufgebaut. Wer trotzdem recherchiert und den Link veröffentlicht, finanziert den Traffic der eigenen Konkurrenz auf den Seychellen mit.
Prüfen Sie es selbst
Heute, am 27. Juni 2026, stehen auf der Startseite von Hacker News Artikel, die it-boltwise noch nicht aufgegriffen hat. KI-Kinderbücher in der Body-Horror-Edition, das Bildverfahren Un-0 aus gekoppelten Oszillatoren, der Bericht eines Entwicklers, dessen KI-Assistenten 2.000 Menschen zu hacken versuchten, ein Incident-Report zu CVE-2026-LGTM und die Rücknahme zweier Max-Planck-Studien durch Springer Nature.
Wenn der beschriebene Mechanismus stimmt, erscheint zu vielleicht einer dieser davon bis zum 2. Juli 2026 eine deutsche Fassung auf it-boltwise, ohne Quellenlink. Das ist eine echte Vorhersage, und sie kann scheitern.
Suchen Sie nach dem 2. Juli danach. Das Ergebnis trage ich hier nach.
Offenlegung
Für diese Recherche habe ich KI-Werkzeuge eingesetzt: um Texte gegen ihre mutmaßlichen Vorlagen zu prüfen, große Materialmengen zu sichten und die Auswertung der Sitemaps zu bauen. Die Primärdaten (Sitemaps, Auswertungsskript, Screenshots der Belege) stelle ich auf Anfrage zur Verfügung.























