In einem offenen Brief an die US-Regierung haben über 150 Führungskräfte und technische Fachleute aus der Cybersicherheitsbranche die Aufhebung der Exportbeschränkungen für Anthropics Sprachmodelle Fable 5 und Mythos 5 gefordert. Adressiert ist das Schreiben an US-Handelsminister Howard Lutnick und an den Nationalen Cyber-Direktor Sean Cairncross. Neben der Rücknahme der Direktive verlangen die Unterzeichnenden, dass künftige Risikobewertungen von KI-Modellen nach einem offenen, wissenschaftlichen und transparenten Verfahren erfolgen.
Worum es geht
Die US-Regierung hatte den Export der leistungsfähigen Mythos-Klasse von Anthropic – zu der auch das öffentlich verfügbare Modell Fable zählt – mit Verweis auf Cybersicherheitsrisiken beschränkt. Auslöser war Forschung zu den Fähigkeiten der Modelle, Schwachstellen in Software aufzuspüren und Exploits zu schreiben. Die Unterzeichnenden bestreiten nicht, dass KI die Cybersicherheit grundlegend verändert und das Auffinden von Sicherheitslücken sowie das Schreiben von Exploits deutlich erleichtert. Auch dass die Mythos-Modelle darin gut seien, stellen sie nicht in Abrede.
Ihr zentraler Einwand: Diese Fähigkeiten seien nicht einzigartig. Vergleichbare Ergebnisse ließen sich nach ihrer Darstellung auch mit anderen Modellen wie GPT-5.5, Opus, Sonnet oder dem chinesischen Kimi 2.7 erzielen. Die Begründung der Behörden, Fable verschaffe einen einzigartigen Fähigkeitssprung („uplift“) gegenüber anderen Systemen, treffe daher nicht zu – KI finde bereits seit über einem Jahr auf übermenschlichem Niveau Fehler und erzeuge funktionierende Exploits.
Die Argumentation der Unterzeichnenden
Die Fachleute argumentieren, die der ursprünglichen Forschung zugrunde liegende Fähigkeit habe vor allem darin bestanden, von Menschen vorgelegten Code auf Unsicherheiten zu prüfen. Dies sei eine notwendige Eigenschaft jedes Modells, das sicheren Code schreiben solle, und keine offensive Fähigkeit. Anthropic habe zudem mehrere Schutzmechanismen in Fable eingebaut, um eine offensive Nutzung zu verhindern – diese seien zum Marktstart sogar so restriktiv gewesen, dass sie in der Sicherheits-Community für Spott gesorgt hätten.
Aus Sicht der Unterzeichnenden ist es essenziell, Entwicklern und Sicherheitsteams leistungsfähige KI an die Hand zu geben, damit diese Schwachstellen in neuem wie auch in jahrzehntealtem Legacy-Code schneller finden und beheben können als potenzielle Angreifer. Die chinesischen Open-Weight-Modelle lägen nur Monate hinter den besten US-Modellen zurück; es sei zudem wahrscheinlich, dass der chinesische Staat über nicht veröffentlichte Fähigkeiten verfüge. Den Verteidigern die besten Werkzeuge zu entziehen, während die Gegenseite rasant aufhole, sei deshalb gefährlich.
Die Maßnahme habe, so der Brief, den Verteidigern die besten Modelle genommen, Unsicherheit im Markt geschaffen und die KI-Führungsrolle der USA gefährdet – ohne dass ein reales Risiko dies rechtfertige. Sicherheitsforschung führe nie zu einem Endzustand vollständiger Sicherheit; ihr Zweck sei kontinuierliche Verbesserung, nicht ein Verbot der Technologie.
Prominente Stimmen
Der Brief trägt die Unterschriften zahlreicher bekannter Branchenvertreter, wobei die genannten Affiliationen ausdrücklich nur der Einordnung dienen und keine Zustimmung der jeweiligen Organisationen bedeuten. Zu den prominentesten Unternehmensvertretern zählen unter anderem:
- Alex Stamos, Chief Product Officer bei Corridor und ehemaliger Sicherheitschef von Facebook
- Joe Levy, CEO des Sicherheitsunternehmens Sophos
- Mikko Hyppönen, CRO bei Sensofusion und langjähriger Sicherheitsforscher
- Chris Wysopal, Mitgründer von Veracode
- Katie Moussouris, CEO von Luta Security
- Talha Tariq, CTO von Vercel
Unterzeichnet haben darüber hinaus Forschende von Universitäten wie Harvard, Johns Hopkins, der University of Pennsylvania und Purdue, Vertreter von Branchengrößen wie Adobe, Zoom und Chainguard sowie bekannte Persönlichkeiten wie Verschlüsselungs-Pionier Philip Zimmermann und Sicherheitsexperte Bruce Schneier.
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