Eine Gruppe von KI-Forschern, Thinktank-Vertretern und Investoren hat unter dem Titel „Europe 2031“ ein Zukunftsszenario veröffentlicht, das den schrittweisen Bedeutungsverlust Europas in der globalen KI-Entwicklung durchspielt. Die Initiative versteht sich ausdrücklich als Warnung – verbunden mit dem Appell, jetzt politisch gegenzusteuern.
Worum es geht
Das Szenario erzählt über einen Zeitraum von rund fünf Jahren, wie Europa nach Darstellung der Autoren in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit gerät. Ausgangspunkt seien drei Fehleinschätzungen aus dem Jahr 2025: Europa habe unterschätzt, wie schnell die KI vorankomme, wie tiefgreifend sie alles verändern würde, und es habe seine eigene Fähigkeit überschätzt, den Rückstand wieder aufzuholen.
Die Autoren zeichnen den Verlauf bis ins Jahr 2031 nach. Sie verweisen dabei auf reale Wegmarken wie das chinesische Modell DeepSeek R1, den Pariser AI Action Summit mit dem angekündigten 200-Milliarden-Euro-Fonds und die nach ihrer Lesart enttäuschende Aufnahme von GPT-5. Ihr Argument: Europa habe daraus wiederholt die falschen Schlüsse gezogen – etwa, dass Rechenleistung an Bedeutung verliere oder dass es sich um eine „KI-Blase“ handle.
Für die Jahre ab 2026 entwickeln die Autoren ein fiktives, aber nach eigener Aussage plausibles Szenario: eine Ransomware-Welle durch ein frei verfügbares Spitzenmodell, eine Rationierung von Rechenleistung durch die USA entlang eines nach Ländern gestaffelten Systems, den Aufkauf angeschlagener europäischer Auto- und Werkzeughersteller durch US-Konzerne sowie wachsende Staatsschulden und Fliehkräfte innerhalb der EU. Am Ende des Szenarios bleiben Europa demnach nur drei schlechte Optionen: ein amerikanisches Protektorat zu werden, sich China zuzuwenden oder isoliert zu verkümmern.
Die Verfasser betonen, das geschilderte Scheitern liege an Anreizen und Institutionen, nicht an Einzelpersonen oder böser Absicht. Gerade jene Stärken, die eine Union aus 27 Staaten möglich gemacht hätten – Konsens und sorgfältige Verfahren – würden unter Zeitdruck dazu führen, dass unbequeme Entscheidungen aufgeschoben würden.
Was die Initiative fordert
Die Autoren halten die bisherige europäische Antwort für um das Zehn- bis Hundertfache zu klein und obendrein falsch ausgerichtet. „Souveränität“ bedeute zu oft, sich mit zweitklassigen Lösungen abzufinden; nötig sei stattdessen echte Verhandlungsmacht. Konkret schlagen sie fünf Punkte vor:
- Investitionen in Rechenleistung und Infrastruktur: massive Investitionen in Energie, Halbleiter und Rechenzentren, dazu eigene Wirtschaftszonen, eine gezielte Energiepolitik und deutlich kürzere Genehmigungsverfahren. Eine Zusammenarbeit mit amerikanischen Anbietern sei sinnvoll, aber nur zu Bedingungen, die die Infrastruktur in europäischer Hand ließen.
- Eine Koalition gleichgesinnter „KI-Mittelmächte“: über die EU hinaus etwa mit Norwegen, dem Vereinigten Königreich, Kanada, Japan und Südkorea, um gemeinsam Verhandlungsmacht aufzubauen und gegebenenfalls zwischen Washington und Peking zu vermitteln.
- Anpassung der Arbeitsmärkte: die Arbeitsmärkte nach dänischem „Flexicurity“-Vorbild auf die KI vorbereiten, statt Arbeitsplätze um jeden Preis im Bestand zu sichern.
- Stärken in Robotik und industrieller KI ausbauen: ausländische Investitionen in heimische Hersteller prüfen und Industriedaten für eigene Entwickler öffnen.
- Eine positive Vision für das KI-Zeitalter: da sich Reformen allein über Verlustängste nicht durchsetzen ließen. Diese Vision auszuformulieren sei Aufgabe von Zivilgesellschaft und politischer Führung gleichermaßen.
Wer dahintersteht
Hinter „Europe 2031″ steht nach eigenen Angaben eine kleine Gruppe von Personen aus KI-Forschung, Thinktanks und Investment. Zu den genannten Mitwirkenden zählen Daan Juijn (Forschungsdirektor der Brüsseler Arq Foundation), Stan van Baarsen (Delta Institute, Mitautor des niederländischen KI-Plans), Judith Dada (General Partner beim Visionaries Club), Lily Stelling (Oxford Martin AI Governance Initiative), Philip Fox (KIRA Center, Mitautor des International AI Safety Report), Alex Petropoulos (Arq Foundation) und Michiel Bakker (MIT, Google DeepMind). Alle hätten als Privatpersonen beigetragen; die geäußerten Ansichten spiegelten nicht zwingend die Haltung ihrer Organisationen wider. An der Erzählform mitgewirkt hat unter anderem der Autor Tom Chivers; als Inspiration nennen die Verfasser das Szenario „AI 2027″, mit dem „Europe 2031″ aber nicht verbunden sei.
Die Initiative ordnet sich selbst nicht als reine Wachstumsagenda ein: Sie verweist nachdrücklich auf die Risiken fortgeschrittener KI – von Cyber- und Bio-Missbrauch über extreme Machtkonzentration bis hin, im schlimmsten Fall, zur dauerhaften Entmachtung der Menschheit. Ein stärkeres Europa, so das Argument, könne ein verantwortungsvolles Gegengewicht zu den Großmächten bilden.
Wie sie finanziert wird
Nach Darstellung der Beteiligten wurde der Großteil der Arbeit in der Freizeit geleistet. Die Arq Foundation, bei der zwei der Mitautoren tätig sind, habe begrenzte Mittel etwa für Website und Übersetzungen beigesteuert. Geld aus der KI-Branche habe man nicht erhalten, eine Gewinnabsicht bestehe nicht.
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