
























Mittwoch Abend, Treffen im Quadrill Tower, dem höchsten Bürogebäude in Linz mit phänomenaler Aussicht auf die oberösterreichische Landeshauptstadt. Der Blick fällt auch auf das Hauptquartier von Dynatrace, dem in Linz gegründeten Software-Riesen mit einer Marktkapitalisierung von etwa 12 Milliarden Dollar an der US-Börse Nasdaq. Es bietet mehr als 1.500 Mitarbeiter:innen Raum zum Mitgestalten der KI-Zukunft und ist Linz‘ plakativstes Beispiel, wie Tech-Unternehmen den Standort aufwerten.
Im Quadrill Tower treffen an dem Abend Florian Gschwandtner (Runtastic-Mitgründer), Michael Hurnaus (Tractive-Mitgründer) und Thomas Meneder (OÖ Hightech-Fonds, NXAI-Mitgründer) aufeinander. Um ein großes Thema mit Trending Topics zu diskutieren: Was bringt es Oberösterreich, wenn heimische Tech-Unternehmen den Besitzer wechseln, also den berühmten Exit machen?
Florian Gschwandtner: Nein, das greift viel zu kurz. Ich kann das in mehrere Punkte runterbrechen. Das Erste ist: Welches Ökosystem entsteht überhaupt? Bei Runtastic ging es zum Beispiel darum, den Begriff Startup und Tech-Unternehmen aus Linz heraus zu etablieren und einfach einmal zu zeigen, dass es geht. Das hat bei uns damals einen großen Abstrahleffekt gehabt. Es war in Europa mit dieser Bewertung ein sehr großer Exit. Aus der Integration danach sind viele neue Gründungen entstanden.
Das Zweite: Was passiert in den Bildungseinrichtungen? Als wir an der FH Hagenberg studiert haben, gab es weder Entrepreneurship noch BWL-Basics. Sehr viel Tech, aber kaum Unternehmertum. Diese Themen sind heute an Tech-Unis, Wirtschaftsunis usw. omnipräsent, weil sie sichtbarer geworden sind.
Und das Dritte: Kapital. Als wir 2009 gegründet haben, gab es de facto keinen Business-Angel-Markt. Heute kann man im eigenen Land investieren, weil Leute gesehen haben, dass es funktioniert. Wir vier Runtastic-Gründer haben mittlerweile fast 35 Millionen Euro in Startups reinvestiert.
Thomas Meneder: Ich würde noch ergänzen: Man darf nicht nur sehen, was nach dem Exit nicht mehr da ist. Man muss sehen, was danach entsteht. Wenn aus einer Keimzelle wie Runtastic dreißig Unternehmen entstehen, dann kann man hochrechnen, was da eigentlich möglich wäre in einer Volkswirtschaft. Es mangelt nicht an potentiellen Gründer:innenpersönlichen. Das ist für mich klar.“
Florian Gschwandtner: Und es ist Fakt: Tractive ist heute Weltmarktführer. Punkt. Das muss man sich trauen zu sagen. Wir müssen uns weder in Oberösterreich noch in ganz Österreich verstecken. Wenn dann Peter Steinberger bei Armin Wolf sitzt und die Bauchbinde schreibt „KI-Entwickler“ – das ist schade. Der ist ein Weltklasse-Unternehmer. Aber das ist halt die Medienrealität.
Florian Gschwandtner: Die eigentlichen Auslöser waren René und Christian, die an der FH Hagenberg ein Projekt gemacht haben, wo sie Segelboote getrackt haben. Daraus haben sie eine Förderung von rund 60.000 Euro bekommen – getrieben vom damaligen FH-Studiengangsleiter für Mobile Computing Christoph Schaffer, der schon ein unternehmerisches Mindset hatte. Segelboote waren dann aber kein Markt. Christian ist zu TomTom in die Niederlande gegangen. Dann kam die Finanzkrise, er hat zwei Tage vor dem Start die Absage bekommen – und war plötzlich wieder da.
René ist dann zu mir gekommen und hat gesagt: „Flo, ich hab 30.000 Euro Budget, ich kann programmieren, du willst immer selbstständig sein – was machen wir?“ Gerade war das iPhone 3G rausgekommen. René hat mir einen Prototypen gebaut, mit dem ich eine Laufrunde aufzeichnen konnte. Dann haben wir zu viert losgelegt.
Der ursprüngliche Plan war übrigens zu 80 Prozent Hardware: fix verbaute Laufstrecken entlang der Donaulände mit Antennen im Boden, Marathon-Chip oben. Wir haben eine Strecke in St. Valentin montiert – hat nicht funktioniert. Wir waren beim Hardware-Engineering nicht so stark wie in der Software. Und parallel ist das App-Thema durch die Decke gegangen.
Michael Hurnaus: Die Key Story war, dass Florian mich besucht hat, als ich noch in den USA war – ich glaube, das war noch bei Amazon. Runtastic war damals etwa 30 Leute groß. Wir haben uns zusammengesetzt und ich habe gesagt, ich müsste eigentlich mein eigenes Ding machen. Und dann ist die Frage gekommen: Was, wenn wir gemeinsam etwas machen?
Ich war schon im GPS-Tracking-Bereich, und dann entstand die Idee für GPS-Tracking für Haustiere – mit Hardware. Und weil die vier Runtastic-Gründer von Anfang an dabei waren, dachten wir, wir können vieles eins zu eins übernehmen. Das hat sich dann als nicht ganz so einfach herausgestellt. Aber was uns extrem geholfen hat: Wir waren immer zwei, drei Jahre voraus, weil wir sehen konnten, was auf uns zukommt. Wir haben das Büro günstig oder gratis gekriegt, konnten die Infrastruktur mitnutzen. Wir wussten, wie man einen Förderantrag schreibt, wen man kennen muss. Das war unbezahlbar.
Thomas Meneder: Das ist genau dieser Effekt, den man unterschätzt. Top-Leute, die in einem Unternehmen waren, das erfolgreich skaliert hat und dann auch jemanden finden der Ihnen Mut macht und sagt „OK du hast eine gute Idee – dann machen wirs doch einfach. Die Runtastic-Story zeigt jedenfalls, was alles möglich ist – nach einem Exit.
Thomas Meneder: Es ist für viele schwer, den Job aufzugeben. Man macht es nebenbei, und es gibt nicht viele Erfolgreiche, die das lange so durchhalten. Man muss sich einfach trauen – besonders nach dem Studium, wenn man noch keine hohen Fixkosten hat.
Florian Gschwandtner: Da würde ich einhaken: Ich glaube nicht, dass das Geld das eigentliche Hindernis ist. Man braucht nicht viel Geld, um Dinge zu starten. Das Problem ist, in die Execution zu kommen. Und das passiert halt von 18 bis 24 Uhr. Das passiert am Wochenende. Wir haben die ersten zwei Jahre Runtastic komplett nebenbei entwickelt – und gleichzeitig noch eine App-Company aufgebaut, die es heute noch in Wien gibt.
Das Entscheidende ist: Man sitzt zu sehr in der Komfortzone. Ich kenne wenige erfolgreiche Gründer, die das in einer gemütlichen 50-Stunden-Woche hinbekommen haben.
Michael Hurnaus: Ja, das ist eine andere Geschichte. Wir hatten das Glück, dass von Anfang an die Brüder Krippl dabei waren. Die kannten die Hardware-Branche, den Hersteller, der für uns in Vorleistung gegangen ist. Ohne die Förderungen hätten wir das nicht geschafft, das muss ich klar sagen. Und in Oberösterreich hat man immer irgendwo was gekriegt, also von der FFG, der aws und so weiter. Das hat uns enorm geholfen. Allerdings höre ich von Startups, in die ich heute investiert bin, dass es deutlich schwieriger geworden ist.
Thomas Meneder: Exits haben einen positiven Effekt auf den Standort. Realistisch muss man sagen: Es kann auch sein, dass in drei Jahren das Team kleiner ist. Das ist ohne Exit aber ganz genauso möglich. Die entscheidende Frage ist: Was wäre sonst gewesen? Wahrscheinlich eine weitere Finanzierungsrunde. Und auch darauf folgt ein Stellenaufbau. Sowohl Exit als auch Finanzierungsrunde sehe ich also beides positiv für den Standort.
Was mich wirklich freut: Über diesen Exit redet man. In Linz ist das AI-Thema plötzlich sichtbar. Das motiviert wieder andere. Und wir zeigen damit, wie S-Kurven in der Technologie funktionieren – alle 10 bis 20 Jahre. Im Mobile-Bereich haben wir das geschafft, jetzt im AI-Bereich wieder. Wir müssen uns nicht verstecken. Österreich hat eine brutal gute Engineering-Ressource. A der JKU gibt es knapp 3.000 Machine-Learning-Studierende. Das ist Wahnsinn.
Florian Gschwandtner: Moralische Verpflichtung würde ich es nicht nennen. Aber es ist ein Mindset-Thema. Wenn man erfolgreich war und eine gute Idee sieht, macht man gerne mit. Es geht mir nicht um den finanziellen Erfolg. Es geht ums Dabeisein, ums Unterstützen, ums Netzwerk-zur-Verfügung-Stellen. Das macht auch Spaß.
Und du lernst dabei geniale Sachen. Nehmen wir Moritz Lechner: Wir haben bei ihm investiert, als er 15 war, bei „2 Minuten, 2 Millionen“. Letztes Jahr hatte er einen Exit. Ich habe ihm klar gesagt: Egal was er als nächstes macht, ich bin dabei. Weil jemand, der mit 15 so denkt – das Mindset haben wir gar nicht mehr.
Michael Hurnaus: Wir machen das sehr strukturiert. Wir, eine Gruppe von Leuten rund um Tractive, investieren gemeinsam in Startups. Nicht nur in Österreich, sondern überall, wo wir Opportunities sehen. Der Mehrwert, den wir liefern können, ist real. Die Erfahrung, die wir mitbringen, ist für ein junges Startup unbezahlbar.
Florian Gschwandtner: Es passiert automatisch. Du verbringst mehr Zeit mit Leuten, die du im Alltag triffst, beim Laufen, beim Bier. Wir alle investieren primär in Menschen, nicht in Ideen. Da ist die Nähe natürlich ein Vorteil. Und Österreich ist so klein, dass man das Startup-System eigentlich kennt. Salzburg, Linz, Wien: Man kennt die Leute.
Michael Hurnaus: Genau. Am besten ist immer, wenn du jemanden gut kennst, öfters gesehen hast, vielleicht am Wochenende mal miteinander unterwegs warst. In der Stage, wo wir alle investieren, steckst du sehr viel in die Menschen. Das ist die Wahrheit.
Florian Gschwandtner: Das wird nicht über Nacht passieren. Wir waren 12, 13 Jahre im Aufbau. Es gibt zwei, drei Unternehmen in Österreich, die in diese Richtung gehen. Aber die großen Series B-Runden zu machen, das ist hierzulande noch immer schwierig. Oft ist dann der Exit schlicht der bessere Weg für Gründer:innen, die 10 oder 15 Jahre lang alles gegeben haben.
Michael Hurnaus: Vergleich mal mit Schweden: Die haben weit über 100 Unicorns. Das hat angefangen mit einer frühen Breitband-Internet-Investition, dann Skype, dann Spotify – und es ist ein Schneeballeffekt entstanden. Wir sind da noch nicht, aber die Richtung stimmt.
Florian Gschwandtner: Alles zusammen. Allein durch Runtastic haben wir in Österreich viele Millionen an Steuern ausgelöst, also Einkommensteuer, Lohnnebenkosten und Kapitalgewinne. Dazu kommen die Arbeitsplätze, die Karrieren, das Kapital, das zirkuliert.
Und dann ist da noch das große Problem, das ich seit 2009 diskutiere: Mitarbeiterbeteiligungsprogramme sind in Österreich eine Katastrophe. Wenn jemand von Anfang an auf Gehalt verzichtet, glaubt und mitarbeitet – und am Ende kommen nach Lohnnebenkosten und Steuer nur 30 Prozent von dem an, was er auf dem Papier bekommen hätte, dann ist das bitter. Das muss sich ändern.
Michael Hurnaus: Das Zweite ist die steuerliche Behandlung von Risikokapital. In Frankreich, UK und überall sonst kann man Venture-Investments absetzen. In Österreich nicht. Viel Kapital sitzt in Immobilien und Wald, weil es keine Anreize gibt, es in Startups zu stecken. Das Land braucht die Unternehmer:innen, es produziert selbst nichts.
Thomas Meneder: Ich glaube grundsätzlich: Venture Capital soll privat sein und braucht keinen Staat. Aber ich bin gleichzeitig fest überzeugt, dass der aws Gründungsfonds und der OÖ HightechFonds wichtig sind – weil der Kapitalmarkt in Österreich noch nicht ausreichend entwickelt ist. Das ist ein klassisches Marktversagen. Irgendwann wird man das Level erreichen, wo öffentliche Mittel nicht mehr nötig sind. Aber so weit sind wir noch nicht.
Florian Gschwandtner: Die Rechnung, die man wirklich einmal gegenüberstellen sollte: Was wird in Förderungen investiert, und was haben die geförderten Unternehmen über die Jahre an Steuern zurückgezahlt? Ich bin überzeugt, dass das Verhältnis sehr positiv aussieht. Das wäre ein starkes Argument – auch politisch.
Florian Gschwandtner: Erstens: Mitarbeiterbeteiligungen endlich praxistauglich machen. Zweitens: Risikokapital steuerlich begünstigen. Drittens: Bürokratie in den ersten drei Jahren minimieren. Junggründer:innen zahlen ohnehin kaum Steuern, aber der administrative Aufwand kostet Energie, die man für das Produkt braucht.
Thomas Meneder: Dass wir neben den von Florian richtigerweise angeführten Punkten alles tun sollten, um mehr Gründungen – auch aus den Unis heraus als Spinoffs – zu ermöglichen, ist klar. Die bestehenden und als sehr gut bewerteten Fördermöglichkeiten sollte man auch so gestalten, dass das oft bestehende Henne-Ei-Problem – eine Finanzierungsrunde setzt erste Umsätze voraus, erste Umsätze setzen Finanzierungsrunde voraus – durch gezielte Förderung von Auftragsvergaben seitens Industrie und Wirtschaft an Startups gelöst wird.
Michael Hurnaus: Wenn wir dreimal so viele Startups haben, werden wir circa dreimal so viel Erfolg haben. Die Gleichung ist simpel. Also: mach es vorne so einfach wie möglich, Unternehmen zu gründen. Und gib den Jungen – frisch aus der Uni, noch ohne Kredit und Familie – den besten Raum dafür. Das sind die Leute mit dem größten Potenzial, die am wenigsten zu verlieren haben.
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