























Es ist eine der unerwartetsten Ankündigungen des KI-Jahres: Midjourney, vor allem für seinen Text-zu-Bild-Generator bekannt, hat Mitte Juni 2026 eine eigene Medizinsparte vorgestellt. Auf einem Event in San Francisco präsentierte Gründer David Holz „Midjourney Medical“ und damit das erste Hardware-Produkt des Unternehmens: den „Midjourney Scanner“, einen Ganzkörper-Ultraschallscanner. Mit Modellen, Bildern oder kreativen Tools hat das Projekt nichts mehr zu tun – Midjourney räumt in seiner Ankündigung selbst ein, dass das Vorhaben mit allem bisher Gezeigten nichts gemein hat. „Heute werden wir etwas ankündigen, das ein bisschen seltsam und ein bisschen verrückt ist“, hieß es dazu.
Technisch setzt Midjourney auf ein Verfahren, das das Unternehmen „Ultrasonic CT“ nennt und das in der Forschung als Ultraschall-Computertomografie (USCT) bekannt ist. Nutzerinnen und Nutzer steigen in ein flaches Wasserbecken; eine Plattform senkt sie mit rund fünf Zentimetern pro Sekunde ab. Dabei passieren sie einen Ring aus rund einer halben Million winziger Elemente, die jeweils als Lautsprecher und Mikrofon zugleich arbeiten. Sie senden Ultraschallwellen aus allen Winkeln durch den Körper und zeichnen auf, wie sich diese Wellen verändern, wenn sie auf unterschiedlich dichtes Gewebe treffen. Aus diesen Daten rekonstruiert ein Rechencluster ein dreidimensionales Körperbild.
Der angepeilte Vorteil: kein Röntgen, keine Strahlung, keine starken Magnetfelder wie beim MRT – und ein Scan in rund 60 Sekunden statt 60 bis 90 Minuten. Holz bezeichnete das Ergebnis als „in vielerlei Hinsicht überlegen“ gegenüber MRT-Geräten und sprach vom ersten neuen Ganzkörper-Bildgebungsverfahren seit 50 Jahren.
Die Hardware entsteht nicht im Alleingang: Laut Berichten von The Verge und Engadget arbeitet Midjourney mit dem Ultraschall-Spezialisten Butterfly Network zusammen und nutzt dessen „Ultrasound-on-Chip“-Technologie – 40 Module pro System. Der bereits im November 2025 geschlossene Lizenzdeal soll bis zu 74 Mio. US-Dollar wert sein (15 Mio. davon als Vorauszahlung). Geleitet wird das Projekt von Ahmad Abbas, Midjourneys Hardware-Chef, der zuvor bei Apple an der Vision Pro mitarbeitete.
Bemerkenswert ist weniger das Gerät als der Ort, an dem es stehen soll. Midjourney plant kein Klinikgeschäft, sondern ein Wellnesszentrum: das „Midjourney Spa“. Die erste Filiale soll Ende 2027 in San Francisco öffnen – Berichten zufolge auf rund 25.000 Quadratfuß nahe dem Union Square, ausgestattet mit Whirlpools, Saunen, Kältebecken und neun bis zehn Scannern.
Die Idee dahinter: Der Scan soll sich wie ein Nebeneffekt eines Spa-Besuchs anfühlen, nicht wie ein Arzttermin. „Ein Ort, an den man gehen möchte, auch wenn es den Scanner nicht gäbe“, heißt es in der Ankündigung. Wer regelmäßig komme, baue über die Zeit eine umfangreiche Datenbank zum eigenen Körper auf. Allein die zehn Scanner des ersten Standorts könnten laut Unternehmen pro Jahr mehr Scans durchführen als alle MRT-Geräte der Welt zusammen.
Die nächsten zwölf Monate will Midjourney für die Verfeinerung von Algorithmen und Hardware, für Forschungsstudien und eine zweite Hardware-Generation nutzen. 2028 soll die Skalierung in weitere Städte beginnen, samt dritter Scanner-Generation mit komplett eigenem Chip-Design. Das Fernziel: bis 2031 weltweit über 50.000 Scanner und eine Milliarde Scans pro Monat. Das Unternehmen spekuliert, mit ausreichend früher Bildgebung ließen sich langfristig 30 Prozent aller Todesfälle und 50 Prozent aller Gesundheitskosten vermeiden.
Regulatorisch startet Midjourney bewusst vorsichtig: Der Marktstart erfolgt unter dem FDA-Label „General Wellness“, das lediglich Körperzusammensetzungs-Karten erlaubt und die strengere Zulassung für diagnostische Medizingeräte umgeht. Für erweiterte Funktionen will das Unternehmen nach eigenen Angaben laufend Testergebnisse bei der US-Behörde FDA einreichen.
Mehrere Beobachter weisen darauf hin, dass den großen Ankündigungen bislang die Belege fehlen. Es gibt keine begutachteten klinischen Daten; getestet wurde laut Berichten gegen synthetische Phantome und in einem einzelnen MRT-Vergleich, nicht an realen Patientinnen und Patienten. Auch das 60-Sekunden-Versprechen ist noch nicht erreicht – der Prototyp soll derzeit rund 20 Minuten benötigen. Holz selbst soll eingeräumt haben, dass bei dem Gerät bisher kaum KI zum Einsatz kommt. USCT als Verfahren ist zudem nicht neu, sondern wird seit den 1950er-Jahren erforscht und ist zuletzt für die Brustkrebsvorsorge zugelassen worden; eine Ganzkörper-Anwendung in diesem Maßstab wurde bislang aber weder erprobt noch validiert.
Kritiker sehen darüber hinaus ein grundsätzlicheres Problem: das Reihen-Screening gesunder Menschen. Fachleute wie der Überdiagnose-Forscher H. Gilbert Welch warnen vor „Incidentalomas“ – harmlosen Zufallsbefunden, die unnötige und teils invasive Folgeuntersuchungen auslösen. Studien zufolge enthalten 15 bis 30 Prozent aller diagnostischen Bildgebungen bei Erwachsenen mindestens einen Zufallsbefund. Bei einer Milliarde Scans pro Monat würde das Hunderte Millionen abklärungsbedürftige Befunde erzeugen – ein Aspekt, den die Ankündigung nicht adressiert. Hinzu kommen physikalische Grenzen: Ultraschall dürfte Lunge und Gehirn nur eingeschränkt erfassen und kleine, frühe Veränderungen leicht übersehen.
Midjourney bezeichnet sich als „community-gestütztes Forschungslabor“ ohne externe Investoren, finanziert von seinen Nutzerinnen und Nutzern. Parallel kämpft das Unternehmen mit Urheberrechtsklagen von Disney und Warner Bros. Discovery rund um sein Bildtool. Gut möglich, dass sich Midjourney durch bessere Bildergenerierung wie Nano Banana von Google, GPT Image von OpenAi oder Flux von Black Forest Labs unter Druck sieht und deswegen die Flucht in andere Gefilde unternimmt.
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