























Nur wenige Tage nach dem mit großem Tamtam angekündigten Launch musste das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic am Freitagabend eine drastische Maßnahme verkünden: Die Modelle Fable 5 und Mythos 5 wurden deaktiviert, um einer Exportkontroll-Anordnung der US-Regierung nachzukommen, die auf „nationale Sicherheitsautoritäten“ verweist. Der Schritt trifft das Unternehmen mitten in einer ohnehin angespannten Beziehung zur Trump-Administration – und hat eine monatelange Vorgeschichte.
Fable 5 ist das aktuell stärkste, wenn auch teuerste KI-Modell am Markt und hätte der neue Bestseller von Anthropic werden sollen. Dem wurde nun ein Riegel vorgeschoben.
Anthropic gab an, am 12. Juni 2026 um 17:21 Uhr ET eine Exportkontrollanweisung der US-Regierung erhalten zu haben, die den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsbürger aussetzt – unabhängig davon, ob diese sich innerhalb oder außerhalb der USA befinden, einschließlich ausländischer Anthropic-Mitarbeiter selbst.
Da das Unternehmen ausländische Staatsbürger nicht in Echtzeit von seinem übrigen Nutzerkreis trennen kann, blieb als praktische Konsequenz nur eine vollständige globale Abschaltung beider Modelle. Alle anderen Anthropic-Modelle bleiben davon unberührt.
Der offizielle Auslöser: Laut einem Regierungsvertreter, der mit Axios sprach, entschied das Handelsministerium, die Maßnahme zu ergreifen, nachdem ein anderes Unternehmen behauptet hatte, Mythos jailbreaken zu können – was die Administration in erhebliche Alarmbereitschaft versetzte. Die Administration hatte zuvor versucht, Anthropic dazu zu bringen, den Launch der neuesten Modelle zu pausieren, war damit jedoch gescheitert.
Anthropic selbst bestreitet die Schwere des Vorfalls. Das Unternehmen erklärt, lediglich verbale Hinweise auf einen engen, nicht-universellen Jailbreak erhalten zu haben. Der Konzern ist überzeugt, dass derselbe Jailbreak auch bei anderen öffentlich verfügbaren Modellen – darunter OpenAIs GPT-5.5 – angewendet werden könnte, ohne dass diese vergleichbaren nationalen Sicherheitsexportkontrollen unterliegen.
Die Auseinandersetzung zwischen Anthropic und der Trump-Administration begann nicht am Freitag. Die Pentagon-Designation erfolgte, nachdem Verhandlungen über eine Aktualisierung des Vertrags mit Anthropic an zwei roten Linien gescheitert waren: Das Unternehmen bestand darauf, dass sein KI-Tool weder für Massenüberwachung von US-Bürgern noch für autonome Waffensysteme eingesetzt wird. Das Pentagon hingegen beharrte darauf, die Technologie für „alle rechtmäßigen Zwecke“ nutzen zu dürfen.
Am 27. Februar 2026 bezeichnete das Verteidigungsministerium Anthropic als „Supply Chain Risk“ für die nationale Sicherheit und untersagte jedem US-Militärauftragnehmer, -lieferanten oder -partner jede kommerzielle Tätigkeit mit dem Unternehmen. Verteidigungsminister Pete Hegseth ging noch weiter und klassifizierte Anthropic formell als „Supply-Chain-Risiko“ – eine Einstufung, die typischerweise ausländischen Gegnern und kompromittierten Technologieanbietern vorbehalten ist.
Kurz nach der Anordnung kündigte OpenAI an, einen Deal mit dem Verteidigungsministerium abgeschlossen zu haben, der den Einsatz seiner KI-Modelle in klassifizierten Netzwerken ermöglicht. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein amerikanisches Unternehmen als Supply Chain Risk eingestuft wurde – und das erste Mal, dass diese Designation offenbar als Reaktion darauf verwendet wurde, dass ein Unternehmen bestimmten Vertragsbedingungen nicht zustimmte.
Anthropic klagte dagegen: Das Unternehmen brachte zwei Klagen ein – eine vor einem Bundesgericht in Kalifornien, eine vor einem Bundesberufungsgericht in Washington.
Das Unternehmen folgt der Anordnung, macht aber unmissverständlich klar, dass es sie für falsch hält. In seinem Statement erklärt Anthropic, eine „Defense in Depth“-Strategie für Fable 5 verfolgt und die Safeguards in tausenden Stunden gemeinsam mit der US-Regierung, dem britischen AISI und privaten Drittorganisationen getestet zu haben. Die gefundenen Schwachstellen seien alle relativ einfach und ließen sich auch mit anderen öffentlich verfügbaren Modellen reproduzieren.
Anthropic schreibt, man sei der Meinung, dass „das Auffinden eines engen, potenziellen Jailbreaks kein Grund sein sollte, ein kommerziell eingesetztes Modell, das Hunderte von Millionen von Menschen nutzen, zurückzuziehen.“ Würde dieser Maßstab branchenweit angelegt, würde er faktisch alle neuen Modell-Deployments aller Frontier-Anbieter zum Stillstand bringen.
Das Unternehmen entschuldigte sich bei seinen Kundinnen und Kunden für die Unterbrechung und gab an, an einer Wiederherstellung des Zugangs zu arbeiten.
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