

























Jeff Bezos, mittlerweile mit grau-weißem Stoppelbart unterwegs, ist mit zwei Hüten nach Paris gekommen. Auf der zehnten VivaTech, Europas größter Tech-Konferenz, saß der Amazon-Gründer am Mittwoch auf der großen Bühne – einmal als Eigentümer von Blue Origin, einmal als frischgebackener Co-CEO seines KI-Startups Prometheus. Prometheus ist ordentlich mit Kapital ausgestattet worden, erst vergangene Woche erhielt das Jungunternehmen satte 12 Milliarden Dollar Investment, bei einer Bewertung von 41 Milliarden US-Dollar (Trending Topics berichtete).
Moderiert vom früheren NASA-Astronauten Mike Massimino, an seiner Seite Blue-Origin-Chef Dave Limp, lieferte Bezos eine Tour d’Horizon durch seine Weltsicht: von Ingenieurs-KI über die Weltraumökonomie bis zur Frage, warum wir überhaupt zum Mond zurückkehren.
Den vielleicht aufschlussreichsten Teil widmete Bezos Prometheus, seinem im November gegründeten KI-Startup – und damit seinem ersten operativen Posten seit dem Rückzug als Amazon-Chef 2021. Es gehe darum, eine Reihe von Werkzeugen zu bauen, die Ingenieure befähigen, „sehr viel schneller zu erfinden und zu bauen“, erklärte er.
Sein zentrales Bild ist der „dream build cycle“, der Weg von der Idee bis zum serienreifen Produkt, der heute je nach Komplexität Jahre bis ein Jahrzehnt verschlingt. Am Beispiel eines Strahltriebwerks mit zehn Prozent mehr Schub rechnete er vor: Selbst mit Erfahrung sei das ein Zwei-Jahres-Programm, mit Test und Fertigungsaufbau eher zehn. Die Frage hinter Prometheus laute, ob sich das auf fünf Jahre drücken lasse, dann auf drei, auf zwei, auf eines.
Klassische Sprachmodelle reichen dafür laut Bezos nicht – sie seien brillant in der Symbolmanipulation, aber nicht mit den richtigen Daten für echte Ingenieursarbeit trainiert. Seine Analogie:
„Ich könnte tausend Bücher darüber lesen, wie man ein großartiger Turner wird – und wäre trotzdem ein miserabler Turner. Es ist einfach eine andere Art von Trainingsdaten.“
Der oft geäußerten Sorge, KI mache Menschen überflüssig, widersprach er deutlich – im Gegenteil werde sie es ermöglichen, viel mehr Probleme überhaupt erst anzupacken:
„KI wird einen Arbeitskräftemangel erzeugen.“
Wir seien heute nicht durch unsere Vorstellungskraft begrenzt, sondern durch das, was wir tatsächlich umsetzen könnten, so Bezos: Jeder im Saal habe sicher schon einmal eine Produktidee gehabt, die „im Kopf blieb und zu nichts führte“, weil die Umsetzung zu schwer war. Als Beleg führte er das Vibe-Coding an – vor drei Jahren noch ein schlechter Programmierer, schreibe er heute an einem Nachmittag eine iOS-App. Genau diese Mühelosigkeit, sagte er, wolle Prometheus in die physische Welt übertragen.
Dass Bezos mit Prometheus im Gepäck ausgerechnet nach Paris kommt, ist auch ein Affront gegen den Lokalmatador Mistral. Europas wertvollstes KI-Unternehmen hat erst vor wenigen Wochen Emmi AI aus Linz zugekauft, um groß in Industrial AI einzusteigen – einen Markt, den Bezos für Prometheus ebenfalls in Europa riecht.
Ob die Nachfrage nach Raumfahrt real sei, beantwortete Bezos mit einem Satz, der das gesamte Geschäftsmodell zusammenfasst:
„Wir sind angebotsbeschränkt, nicht nachfragebeschränkt.“
Getrieben werde der Bedarf von LEO-Konstellationen, nationaler Sicherheit und künftig von Orbital-Computing und Mondressourcen; der Auftragsbestand der Branche sei riesig, die Kapazität knapp. Dahinter steht eine explizit demokratisierende Vision: So wie das Internet kleinen Teams den Aufbau großer Firmen erlaubte, solle es auch im All laufen.
„Wir wollen, dass der Weltraum ein Ort wird, an dem zwei Kids im Studentenwohnheim ein unglaubliches Raumfahrtunternehmen aufbauen können.“
Den Hunger nach Bandbreite hält er ohnehin für grenzenlos – der menschliche Appetit auf Kommunikation sei „im Grunde unstillbar“, und jede neue Konstellation fülle im Handumdrehen Hunderte Starts.
Beim Thema Mond wurde Bezos grundsätzlich. Der Erdtrabant sei der logische erste Schritt – nah genug für eine Reise von dreieinhalb Tagen, jederzeit erreichbar, mit niedriger Schwerkraft und reich an Rohstoffen. „Der Mond ist ein Geschenk“, sagte er, „er ist direkt vor unserer Haustür.“ Anders als beim Apollo-Programm gehe es diesmal nicht um einen Besuch, sondern um Dauerhaftigkeit: Man gehe zum Mond, „um zu bleiben“.
Den eigentlichen Zweck der Raumfahrt verortet Bezos dabei paradoxerweise auf der Erde. Schwerindustrie solle langfristig ins All verlagert werden, um den Planeten zu entlasten – man gehe ins All „nicht nur für das All, sondern für die Erde“. Dazu sein vielleicht nachdenklichster Satz des Abends:
„Das ist der einzige Bereich, in dem die Welt heute schlechter dran ist als vor 500 Jahren. Alles andere ist besser geworden – die einzige Ausnahme ist die Natur.“
Auf die Entscheidungskultur großer Organisationen angesprochen, warnte Bezos vor Einheitsprozessen: Folgenschwere, irreversible Entscheidungen gehörten langsam und mit großer Sorgfalt getroffen, umkehrbare dagegen schnell und von einzelnen Personen mit gutem Urteil. Wer alle gleich behandle, scheitere – „wenn du einen Einheitsmantel hast, passt er nie“. Auch zum Thema Personal hatte er eine pointierte Regel parat: Unter 40 solle man niemals seine Freunde einstellen, über 40 nur noch sie.
Unvermeidlich war der jüngste Rückschlag: Ende Mai war eine New-Glenn-Stufe bei einem Hot-Fire-Test in Cape Canaveral explodiert und hatte die Startrampe schwer beschädigt. Bezos sprach offen über den Moment – und über das Glück im Unglück, dass die langlebige Großinfrastruktur weitgehend verschont blieb:
„Das war ein Schlag in die Magengrube für das ganze Team. Aber was wir seitdem gelernt haben: Wir hatten riesiges Glück.“
Seine Grundhaltung führte er auf seinen Großvater zurück, einen Rancher in Südtexas, der Werkzeuge und sogar Veterinärnadeln selbst herstellte, um sein Vieh zu nähen – „manche Rinder haben sogar überlebt“, erinnerte sich Bezos schmunzelnd. Daraus zieht er eine Lehre, die sich wie ein roter Faden durch all seine Projekte zieht:
„Jedes Problem ist lösbar. Wenn du vom Gegenteil ausgehst, wird das zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“
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