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Gastbeitrag · 2026-05-29 · via Trending Topics

Mit einer Bewertung von 1,8 Billionen Dollar oder mehr will Elon Musks SpaceX in etwa zwei Wochen an die Börse und 75 Milliarden Dollar raisen – so viel wie kein anderes Unternehmen zuvor. Über ETFs wird die Aktie schnell Einzug halten und so auch bald bei Privatinvestoren – ob sie wollen oder nicht – im Portfolio landen. Audun Wickstrand Iversen, Portfoliomanager bei der DNB Asset Management, sieht allerdings spannendere SpaceTechs an der Börse, wie er in diesem Gastbeitrag analysiert.

Künstliche Intelligenz hat die erste Börsenphase hinter sich. Die offensichtlichen Gewinner sind bekannt, viele Bewertungen spiegeln das wider. Spannender wird nun die zweite Phase: Wer liefert die Speicherchips, optischen Netzwerke, Kühlung, Sensorik, Batterien, Satellitenverbindungen und autonomen Systeme, ohne die KI nicht skalieren kann?

2019 sprachen wir vom kommenden «Jahrzehnt der Disruption». Heute ist aus der These ein Investitionszyklus geworden. Entscheidend ist nicht mehr, ob KI produktiv eingesetzt wird, sondern wo sie reale Kapazität braucht. Die nächste Stufe der Disruption findet nicht nur im Rechenzentrum statt. Sie zeigt sich in Fabriken, unter Wasser und im Orbit. Genau dort suchen wir nach Chancen: bei Unternehmen, die nicht nur von KI erzählen, sondern die Infrastruktur, Komponenten und Systeme liefern, ohne die KI nicht in der physischen Welt skalieren kann.

Die S-Kurve als Anlagekompass

Bei der Auswahl von Unternehmen arbeiten wir stark mit sogenannten S-Kurven. Sie helfen uns zu verstehen, wo eine Technologie im Adoptionszyklus steht. Am Anfang steht die Innovationsphase. Junge Unternehmen müssen ihre Technologie und ihr Geschäftsmodell beweisen. Viele befinden sich dort im «Valley of Death»: Sie verbrennen Kapital, haben noch keine stabilen Cashflows und sind auf Banken oder Investoren angewiesen.

Die attraktivste Phase beginnt, wenn ein Unternehmen dieses Tal verlässt und in die Skalierung kommt. Dann kann aus technologischer Machbarkeit ein profitables Geschäftsmodell werden. Reifere Unternehmen wie Alphabet oder Nvidia bleiben relevant, befinden sich aber bereits in einer späteren Phase der S-Kurve. Die größeren asymmetrischen Chancen liegen häufig bei Spezialisten, deren Technologie gerade beginnt, kommerziell zu skalieren.

Diesen Ansatz nutzen wir über verschiedene Themen hinweg: Robotik, Drohnen, autonome Fahrzeuge, selbstfahrende Lastwagen, Satellitenkommunikation, Speichertechnologie und KI-Infrastruktur. Häufig investieren wir zunächst breiter in ein neues Thema. Wenn der Markt reifer wird und sich die stärkeren Unternehmen abzeichnen, konzentrieren wir die Positionen.

Drohnen: ein Markt am Beginn der S-Kurve

Ein weiteres Thema, das wir stärker aufgebaut haben, sind Drohnen. Der Markt steht noch früh in der Adoptionskurve, aber die strukturellen Treiber werden klarer. Besonders wichtig ist die Verteidigungsnachfrage. Das US-Verteidigungsministerium hat ein Drohnenprogramm im Umfang von 75 Mrd. $ über die kommenden Jahre angekündigt. Das dürfte in den USA ein Ökosystem aus kleinen und mittelgroßen Drohnenunternehmen schaffen. Für Anleger ist das relevant, weil aus einem Nischenthema ein industrieller Beschaffungszyklus werden kann.

Drohnen sind dabei nicht nur fliegende Geräte. Auch Unterwassersysteme gehören dazu. Ein Beispiel ist Kraken Robotics, ein kanadisches Unternehmen, das Unterwasserdrohnen für Überwachung, Sensorik und Inspektion entwickelt. Die ursprüngliche Nachfrage kam aus Öl und Gas. Heute geht es zunehmend auch um den Schutz kritischer Infrastruktur, Glasfaserkabel, Energieanlagen, militärische Anwendungen und Rohstoffsuche. Gerade Länder mit viel Unterwasserinfrastruktur, etwa Norwegen, haben ein offensichtliches Interesse an solchen Systemen. Unterwasserdrohnen benötigen Sensoren, Batterien, Antrieb, Datenverarbeitung und Kommunikationssysteme. Damit verbindet sich Verteidigung, Energie, Rohstoffe und Automatisierung in einem Thema.

KI-Infrastruktur: mehr als Nvidia

Der KI-Boom begann an der Börse mit den großen Gewinnern der Rechenleistung. Nvidia war der offensichtlichste Profiteur. Doch inzwischen verschieben sich die Engpässe. Neben Rechenleistung werden Speicher, Netzwerk, Kühlung und Energie entscheidend. Ein Beispiel ist Micron. Das Unternehmen profitiert von der steigenden Nachfrage nach Speicher für KI-Rechenzentren. Speicher war historisch ein zyklisches Geschäft mit Boom-und-Bust-Phasen. Heute ist die Branche deutlich konsolidierter. Gleichzeitig braucht KI enorme Mengen an Speicher, weil Modelle Kontext behalten, Daten verarbeiten und komplexe Schlussfolgerungen ziehen müssen. Wenn die Nachfrage schneller steigt als das Angebot, steigen die Preise. Wegen der hohen operativen Hebelwirkung wirkt sich das stark auf die Gewinne aus. Deshalb sehen wir Micron auch in den kommenden Quartalen in einer guten Position.

Auch SanDisk passt in dieses Bild. Viele kennen den Namen von Speicherkarten. Heute ist Speicher ein kritischer Bestandteil der KI-Infrastruktur. Mit den steigenden Investitionen in Rechenzentren wird Memory zu einem Engpass. Nur wenige Anbieter können ausreichend Kapazität liefern, und der Ausbau dauert. Genau dadurch entstehen Preissetzungsmacht und Gewinnhebel.

Ein weiteres Beispiel ist Lumentum. Wenn Rechenzentren größer werden und Modelle mehr Daten bewegen, steigt der Netzwerkverkehr stark. Daten müssen schneller zwischen Prozessoren, Speichern und Servern übertragen werden. Das erhöht die Nachfrage nach optischer Netzwerktechnologie. Lumentum liefert optische Komponenten und Laser, die genau diese höheren Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichen. KI braucht also nicht nur Chips, sondern auch die Verbindungsinfrastruktur zwischen den Chips.

Effizienz wird zum Engpass

Je größer KI-Rechenzentren werden, desto wichtiger wird Energieeffizienz. GPUs sind teuer, energieintensiv und erzeugen viel Wärme. Unternehmen, die Rechenprozesse effizienter machen oder Kühlung verbessern, können deshalb stark profitieren. Ein Beispiel ist Napatech, ein kleines skandinavisches Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von rund 300 Mio. €. Das Unternehmen entwickelt Karten, die in Server eingesetzt werden und einfache Rechenaufgaben übernehmen können. Dadurch können teure GPUs für komplexere Aufgaben genutzt werden. Das kann den Energieverbrauch senken, Hitze reduzieren und die Effizienz der Rechenzentren verbessern. Der Investment Case ist binär: Gelingt der Durchbruch bei großen Kunden, ist das Potenzial erheblich. Gelingt er nicht, bleibt das Unternehmen deutlich weniger spannend.

Auch Kühlung wird wichtiger. Vertiv ist ein Beispiel für ein Unternehmen, das von Flüssigkühlung profitiert. Historisch wurden Server vor allem mit Luft gekühlt. Bei KI-Servern reicht das immer häufiger nicht aus. Flüssigkühlung kann helfen, Temperaturen zu kontrollieren und die Leistungsfähigkeit der Systeme zu sichern. Je größer der KI-Infrastrukturzyklus wird, desto wichtiger werden solche vermeintlich «langweiligen» Komponenten.

Satelliten als neue Internet-Infrastruktur

Auch die Raumfahrt wird für Anleger relevanter. SpaceX steht dabei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der mögliche Börsengang wäre einer der größten Technologiemomente der kommenden Jahre. SpaceX könnte dem Markt eine Story als einer der größten Internetanbieter der Welt erzählen. Starlink zeigt bereits, dass Satelliten Breitbandzugang auch dort ermöglichen, wo klassische Netze unzureichend sind. Das kann bestehende Geschäftsmodelle unter Druck setzen. Glasfaseranbieter gelten lokal oft als Monopolisten mit Preissetzungsmacht. Wenn Satelliteninternet in bestimmten Regionen eine echte Alternative wird, könnte dieser Vorteil sinken. Wenige Abwanderungen werden noch kein Problem darstellen. Wenn aber Tausende Haushalte ihre Glasfaserverträge kündigen, geraten Preise und Margen unter Druck.

Trotzdem wäre SpaceX für uns nicht automatisch ein Kauf. Entscheidend ist die Bewertung. Eine mögliche Bewertung könnte bei bis zu 2 Bio. $ liegen. Ein solcher Börsengang dürfte technisch gut laufen, weil globale passive Fonds kaufen müssten. Für uns wäre das aber eher ein Index- und Liquiditätsthema als ein klassisches Bewertungsinvestment. Wir finden andere börsennotierte Raumfahrtunternehmen interessanter.

Dazu gehören AST SpaceMobile, Rocket Lab und Redwire. AST SpaceMobile arbeitet eng mit europäischen und amerikanischen Telekomunternehmen zusammen. Diese Kooperationsmodelle könnten erfolgreicher sein als reine Konkurrenzmodelle. Rocket Lab und Redwire sind weitere Spezialisten in einer entstehenden Weltraumökonomie.

Europa darf sich nicht abschreiben

Ein häufiger Reflex ist, disruptive Technologien fast ausschließlich mit den USA und China zu verbinden. Das ist zu einfach. Japan und Südkorea sind in Robotik, Speicher und industrieller Technologie stark. Südkorea hat in den vergangenen sechs Monaten zwei relevante politische Ziele formuliert: eine wichtige Rolle in der Weltraumökonomie und eine Führungsposition in Robotik, insbesondere bei humanoiden Robotern. Samsung bleibt dabei ein zentraler Ausgangs- oder Endpunkt technologischer Entwicklung in Südkorea. Wir sind in Samsung investiert. Daneben gibt es kleinere Spezialisten wie Rainbow Robotics.

Japan verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in industrieller Robotik. Wenn Fabriken gebaut werden, sind Roboterarme und stationäre Systeme bereits heute zentral. Diese Erfahrung wird bei humanoiden Robotern wichtig. Eine der offenen Fragen lautet: Wie lange hält ein Roboterarm? 10’000 Bewegungen? 100’000? Japanische und deutsche Industrieunternehmen verfügen über genau diese Erfahrungswerte.

Deutschland besitzt eine starke Robotikkultur. Ein vielversprechendes Beispiel ist Neura Robotics. Auch die Schweiz hat Kompetenzen in Präzisionsrobotik, Medizintechnik und Industrieautomatisierung. Großbritannien bleibt mit DeepMind ein wichtiger KI-Standort, auch wenn Google das Unternehmen übernommen hat. Entscheidend ist, ob Europa schneller kooperiert, Wettbewerb zulässt und Regulierung so gestaltet, dass Innovation nicht erstickt. Europa braucht an manchen Stellen ein «Control-Alt-Delete»: weniger Silos, mehr Wettbewerb, mehr Kapital für Skalierung und mehr Bereitschaft, technologische Umbrüche früh zu akzeptieren.

Die zweite Phase ist physisch

Die nächsten Jahre werden nicht nur von einem KI-Boom geprägt sein, sondern von einer Verschiebung der gesamten technologischen Infrastruktur. Maschinen werden produktiver, autonomer und stärker mit der physischen Welt verbunden. Für Anleger bedeutet das: Die spannendsten Chancen liegen oft nicht dort, wo das Schlagwort am lautesten ist, sondern dort, wo ein Engpass gelöst wird. Speicherchips, optische Netzwerke, Serverkarten, Flüssigkühlung, Unterwasserdrohnen, Satellitenverbindungen und Robotikkomponenten klingen weniger glamourös als Chatbots. Aber ohne sie funktioniert die KI-Welt nicht.

Wir bleiben Optimisten. Nicht weil der Wandel risikolos ist. Er ist es nicht. Regulierung, Ethik, Sicherheit und gesellschaftliche Folgen werden zentrale Themen bleiben. Aber Technologie ist die stärkste Veränderungskraft unserer Zeit. Wer investieren will, sollte deshalb nicht nur fragen, welche App gerade populär ist. Entscheidend ist, welche Maschinen, Netzwerke und Infrastrukturen die zweite Phase der KI ermöglichen.

Über den Autor: Audun Wickstrand Iversen ist Portfoliomanager bei der DNB Asset Management.

Audun Wickstrand-Iversen. © DNB Asset Management
Audun Wickstrand-Iversen. © DNB Asset Management

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