




















Hamburg, 1943. Luftschutzsirenen gellen durch die Stadt. Während sich alliierte Bomber nähern, flüchten Tausende Einwohner in den Bunker. Auf dem Dach: Soldaten hinter Flakgeschützen, den Blick in den Nachthimmel gerichtet. Suchscheinwerfer tasten die Wolken ab, während Explosionen die Stadt in ein fahles Licht tauchen.
Mehr als achtzig Jahre später erfüllt der Bunker einen völlig anderen Zweck. Von Grün umrankt und mit einer Dachterrasse gekrönt, dominiert der massive Betonkoloss noch immer die Skyline von St. Pauli, einem der lebendigsten Viertel Hamburgs. Tagsüber schlendern Besucher auf einem gewundenen Pfad die Fassade hinauf und genießen einen Panoramablick über Hamburg. Nachts sammeln sich Clubgänger am Eingang des imposanten Gebäudes, bevor sie in einem der ungewöhnlichsten Clubs Europas verschwinden: Uebel & Gefährlich.
Was einst eine Militäranlage war, wird heute von Vegetation und neuen städtischen Nutzungen überdeckt. In einem Land, das noch immer mit dem Erbe seiner Vergangenheit ringt, ist der St.-Pauli-Bunker zu einem eindrücklichen Beispiel dafür geworden, wie ein Denkmal des Autoritärismus eine neue kulturelle Rolle übernehmen kann.
Diese Transformation ist jedoch nicht ohne Debatte. Die Umnutzung von NS-Architektur ist nie eine politisch neutrale Entscheidung. Deutschlandweit wird diskutiert, wie ehemalige Militärbauten erhalten, erinnert oder umgestaltet werden sollen. Der St.-Pauli-Bunker zeigt, wie komplex diese Frage ist: Was macht man mit einem Gebäude aus der Nazi-Zeit, das zu groß zum Abreißen und zu präsent zum Ignorieren ist? In Hamburg entschied man sich dafür, das Bauwerk zu erhalten und ihm eine neue Funktion zu geben – ohne die Vergangenheit zu verbergen.

Als Flakturm diente das Gebäude im Zweiten Weltkrieg einem doppelten Zweck. Auf dem Dach wurden schwere Flakgeschütze installiert, um alliierte Flugzeuge abzuschießen, während Tausende Zivilisten im Inneren Schutz vor Bombenangriffen suchten. Gebaut wurde der Bunker unter harten Bedingungen von bis zu 2.400 Zwangsarbeitern. Historiker haben dokumentiert, dass die Zwangsarbeiter unter extrem schwierigen Verhältnissen litten – die genaue Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit dem Bau bleibt allerdings unklar.
Nach dem Krieg verschwand der Bunker nicht aus dem Stadtbild. Anders als viele andere NS-Gebäude wurde der St.-Pauli-Bunker nie abgerissen. Seine Wände – rund 4,5 Meter dick – machten einen Abriss praktisch unmöglich. Stattdessen wies die Stadt dem Bauwerk im Laufe der Jahrzehnte nach und nach neue Nutzungen zu.
Unmittelbar nach dem Krieg wurde der Bunker zum Zentrum der Medienproduktion. Die erste Sendung der Tagesschau wurde von dort ausgestrahlt. Auch der NDR bezog das Gebäude. Später zogen Fotografen und Kreativstudios ein. Jahrzehntelang war es ein Treffpunkt für Künstler, Fotografen und andere Kreative, die seine ursprüngliche Identität allmählich in den Hintergrund drängten.
Anfang der 2000er folgte eine erneute Transformation. 2006 öffnete der Club Uebel & Gefährlich seine Türen und entwickelte sich schnell zu einer der wichtigsten Nachtleben-Adressen Hamburgs. Es folgten Aufnahmestudios, Proberäume, Musikschulen und weitere Initiativen. Was einst eine militärische Festung war, wandelte sich zu einem zentralen Kreativzentrum der Stadt.
Die militärische Vergangenheit bleibt dennoch spürbar. Besucher, die durch das Gebäude laufen, begegnen massiven Stahltüren und rohen Betonwänden. Von den Fenstern des Clubs aus wird die außerordentliche Wandstärke des Bauwerks unmittelbar sichtbar – ein stetiger Verweis auf seine militärischen Ursprünge.

Weil diese Geschichte so sichtbar präsent bleibt, ist die Frage, wie der Bunker heute zu lesen ist, hochaktuell. In der Praxis zeigt sich das in der Art, wie Uebel & Gefährlich den Raum nutzt: als Ort, der bewusst das Gegenteil von dem sein will, was er einmal war.
„Ich glaube, es sendet eine starke Botschaft, dass etwas, das einst so böse war, in etwas verwandelt werden kann, das Menschen zusammenbringt“, sagt Malte von der Lancken, Head of Booking bei Uebel & Gefährlich. „Wir versuchen auch, ein Safer Space für marginalisierte Communities zu sein. Die gesamte Identität des Bunkers wurde im Wesentlichen auf den Kopf gestellt.“
Das schlägt sich deutlich im Programm des Clubs nieder. Neben Queer-Club-Nächten und Voguing-Balls veranstaltet der Club regelmäßig politische Veranstaltungen und Diskussionen. Jedes Jahr ist der 8. November Georg Elser gewidmet, einer eher wenig bekannten Figur des deutschen Widerstands. An diesem Tag erinnert der Club an den Schreiner, der am 8. November 1939 als Einzelperson versucht hatte, Adolf Hitler zu ermorden. Die neue Konzerthalle auf dem Bunker ist nach ihm benannt: Georg-Elser-Halle.
„Es ist wichtig anzuerkennen, dass Menschen, die unter dem Regime, dem dieser Bunker einst diente, diskriminiert oder getötet worden wären, heute auf diesen Bühnen gefeiert werden“, betont von der Lancken. Was einst ein Symbol der Ausgrenzung war, ist zu einem Ort geworden, an dem Vielfalt aktiv gefeiert wird.
Die Geschichte des Bunkers prägt nicht nur seine politische Bedeutung, sondern auch das Erlebnis eines Abends. Uebel & Gefährlich zu besuchen fühlt sich anders an als ein gewöhnlicher Clubabend. Der Abend beginnt in einer Schlange vor der massiven Betonfassade, gefolgt von einer Fahrt in einem alten Lastenaufzug ins vierte Stockwerk. Während der Aufzug nach oben fährt, wird der Bass allmählich lauter.
„Wenn sich die Türen öffnen, wirst du in eine andere Welt gezogen“, sagt von der Lancken.
Die Architektur erzeugt ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, das Teil der Identität des Clubs geworden ist. Lange Korridore führen zu unerwarteten Räumen, verschiedene Stockwerke offenbaren sich nach und nach, und Besucher entdecken oft Bereiche, die sie bei früheren Besuchen völlig übersehen haben.
„Es ist wichtig, sich in einem Club verlieren zu können“, sagt von der Lancken. „Dieser Bunker erzeugt genau dieses Gefühl.“
Für elektronische Musik ist der Standort nahezu ideal. Die massive Betonstruktur minimiert Lärmklagen von Anwohnern. In einer Zeit, in der viele Clubs aufgrund von Neubauprojekten oder Anwohnerbeschwerden schließen müssen, bietet der Bunker eine seltene Form von Stabilität.

Obwohl Uebel & Gefährlich international vor allem als Techno-Club bekannt ist, versteht sich die Organisation viel breiter. Das Programm umfasst elektronische Musik, Punk, Hardcore, HipHop, Queer Ballroom Culture und experimentelle Performances. Aufstrebenden Künstlern wird Raum neben etablierten Acts gegeben.
„Für uns bedeutet Subkultur, lokale, nicht-kommerzielle Kultur zu ermöglichen“, sagt von der Lancken. „Wir wollen ein Ort sein, an dem Künstler experimentieren, sich entwickeln und ihre Karriere beginnen können.“
Künstler wie Solomun, Paul Kalkbrenner, Kendrick Lamar und Billie Eilish haben dort aufgetreten – oft noch bevor sie ein deutlich größeres Publikum erreichten.
2024 begann das jüngste Kapitel in der Geschichte des Bunkers. Eine groß angelegte Sanierung fügte ein Hotel, Kulturräume und einen Rundweg hinzu, der Besucher an der Außenfassade entlang bis zur Dachterrasse führt. Ein ausgeklügeltes System zur Wassersammlung und -wiederverwertung auf dem Dach versorgt die Begrünung. Aus der Ferne wirkt die Transformation fast surreal: ein Nazi-Bunker, überwuchert von Bäumen und Pflanzen.

Den Entwicklern zufolge soll die Sanierung nicht nur die Nachhaltigkeit verbessern, sondern auch die Beziehung zwischen Bunker und Stadt stärken – wobei die Anwohner aktiv in die Entwicklung einbezogen wurden. Die Erinnerung an die Vergangenheit spielt dabei eine zentrale Rolle. Entlang des Rundwegs erklären Informationstafeln die Geschichte des Bunkers, und ein Museum ist geplant, um sie noch zugänglicher zu machen. So wird die lokale Gemeinschaft auch zu einem Teil davon, wie die Geschichte des Bunkers erzählt und weitergegeben wird.
Die Herausforderung liegt darin, die Vergangenheit sichtbar zu halten. Die neuen Bildungsinitiativen sollen sicherstellen, dass die Geschichte nicht von den Ausblicken, der Architektur oder dem kulturellen Programm überschattet wird, das heute so viele Besucher anzieht.
Der St.-Pauli-Bunker bietet keine einfache Antwort darauf, wie Gesellschaften mit umstrittener Architektur umgehen sollten. Für manche bleibt es ein Gebäude, das Krieg, Zwangsarbeit und Diktatur symbolisiert; für andere ist es ein Beispiel dafür, wie einem dunklen Erbe neue Bedeutung verliehen werden kann.
Wer heute Uebel & Gefährlich betritt, geht durch Mauern, die einst für ein Regime der Ausgrenzung errichtet wurden. Jeder Voguing-Ball, jede Punk-Show, jede HipHop-Nacht und jeder Techno-Rave findet in einem Bauwerk statt, das einst das genaue Gegenteil der Werte verkörperte, die heute dort gefeiert werden.
Doch trotz seiner Transformation bleibt der Bunker ein greifbares Mahnmal eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Die Menschen kommen nicht mehr hierher, um sich vor Bomben zu schützen – aber zwischen den Beats und dem Grün darf eines nie vergessen werden: Wofür diese Mauern einst gebaut wurden.
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