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Russland: Wie ein ehemaliger Frontsoldat Wladimir Putin h...
DER SPIEGEL · 2026-06-28 · via DER SPIEGEL - Schlagzeilen

Kritik an Gewalt und Korruption in der Armee Ein ehemaliger Frontsoldat fordert Putin heraus

»Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten«: Ein russischer Ex-Soldat fordert eine Live-Audienz mit Kremlchef Wladimir Putin – und erinnert damit ein wenig an Jewgenij Prigoschin. Die Folge: Er sitzt laut Weggefährten bereits in Haft.

Ehemaliger russischer Frontsoldat Aleksandr Lunin: »Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.«
Ehemaliger russischer Frontsoldat Aleksandr Lunin: »Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.«

Ehemaliger russischer Frontsoldat Aleksandr Lunin: »Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.«

Foto: Alexander Lunin via Instagram / REUTERS

In seinem Video vom 25. Juni steht Aleksandr Lunin im olivgrünen Tarnanzug und mit mehr als einem halben Dutzend Orden an der Brust vor der Kamera. Hinter ihm ist ein bescheidenes Wohnhaus zu sehen, die Aufnahme ist mutmaßlich in dem Dorf Lisinowka in der Region Woronesch entstanden, wo der ehemalige russische Frontsoldat lebt.

»Mitteilung an W. W. Putin« ist das Video überschrieben – und sein Appell an den russischen Präsidenten hat es in sich. Wenn Putin ihm nicht zeitnah eine live übertragene Audienz gewähre, werde er »die volle Wahrheit darüber sagen, was bei uns im Land passiert«, sagt Lunin.

»Dutzende, Hunderte, Tausende Soldaten« würden in der russischen Armee im Arrest sitzen und von ihren Kommandeuren bestraft, mit Folter und Gewalt überzogen, »weil sie sich geweigert haben, dumme, selbstmörderische Befehle zu befolgen, weil sie sich geweigert haben, ihre finanziellen Mittel abzugeben«.

»Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten«

Wenn Lunin in nächster Zeit nicht in den Kreml eingeladen werde, um den Regierungsverantwortlichen die Situation zu beschreiben, würden die Folgen »sehr ernst sein«, so der Ex-Soldat. »Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.«

Bereits zuvor hatte Lunin in den sozialen Medien die Zustände in den russischen Streitkräften angeprangert. Er traf sich laut eigenen Angaben auch mit Vertretern der örtlichen Behörden und des Verteidigungsministeriums zum Gespräch über die Missstände.

Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gibt es massive Kritik an den teils menschenunwürdigen Zuständen in den russischen Streitkräften, die schlecht ausgerüstet sind und in denen die Offiziere traditionell hart durchgreifen. Immer wieder berichten russische Exilmedien über Hunger, Krankheiten, Misshandlungen, Drohungen, willkürliche Strafen und Korruption. Die Zahl der Deserteure, die versuchen, dem Elend zu entkommen, steigt Schätzungen zufolge. Verlässliche Zahlen oder Erhebungen gibt es allerdings nicht.

Das Echo auf den aktuellen Video-Appell war gewaltig. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Video etwa zehn Millionen Mal aufgerufen und erhielt Hunderttausende Likes. Geteilt wurde es unter anderem via Telegram, wo Lunin über 12.000 Abonnenten hat. Auch auf Instagram, das in Russland verbotenen und nur über VPN-Verbindungen abrufbar ist.

Zuletzt hatte der Aufstand der Söldnertruppe Wagner um Jewgenij Prigoschin im Juni 2023 für Aufruhr gesorgt. Prigoschin hatte versucht, Putin mit einem bewaffneten Marsch auf Moskau unter Druck zu setzen und gefordert, die Militärführung abzusetzen. Der Versuch verebbte, Prigoschin starb am 23. August 2023 beim Absturz seines Privatjets in der Region Twer.

Lunin handelt angeblich im Namen »der ehrlichen Menschen in Russland«

Noch ist völlig unklar, ob hinter Lunins Aufruf eine Gruppe Gleichgesinnter oder armeeintern organisierter Regierungskritiker steht oder ob er allein handelt. Er sei nur der Überbringer der Botschaft, betonte der Ex-Soldat selbst. In einem älteren Video erklärte Lunin, er handele im Namen des Volkes, »der ehrlichen Menschen in Russland«.

Doch statt eines Gesprächs mit Putin vor laufenden Kameras, wurde zunächst die Polizei zum Wohnhaus des Kritikers entsandt. Wie Lunins Ehefrau Tatjana in einem Video mitteilte, verschaffte sich die Polizei bei einer nächtlichen Durchsuchung Zugang zu der Wohnung in Lisinowka und konfiszierte sämtliche elektronischen Geräte sowie Speichermedien im Haus.

Lunin selbst sei zum Zeitpunkt der Razzia nicht vor Ort gewesen, berichtete unter anderem die Oppositions-Website »Medusa«. Seine Frau erklärte, er sei mit einem Bekannten im Auto nach Moskau gefahren. Sie habe ihn seit seiner Abfahrt nicht mehr erreichen können.

Nun gibt es erste Berichte über die Ursache: Unter Berufung auf die Ehefrau teilte ein »guter Bekannter« via Telegram mit, dass Lunin lebe und gesund sei, aber für elf Tage in Ordnungshaft genommen worden sei.

Ungewöhnlich ist, dass der Kreml zeitnah auf Lunins Botschaft reagierte. Von der Forderung nach einer Audienz bei Putin habe man gehört, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow. »Man muss sich das erst einmal anschauen«, gab er sich angesichts zunehmender Kritik an der Kriegsführung Russlands – auch bei der eigenen Truppe – zunächst zurückhaltend.