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Operation Endgame: Microsoft und BKA legen Hunderte Schad...
DER SPIEGEL · 2026-06-24 · via DER SPIEGEL - Schlagzeilen

In einer beispiellosen Aktion haben Ermittler der europäischen Polizeibehörde Europol, des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) und des US-Konzerns Microsoft der organisierten Cyberkriminalität einen massiven Schlag versetzt.

Laut einer Mitteilung des BKA wurden im Rahmen der Aktion mehr als 340 Command-and-Control-Server abgeschaltet werden, 40 davon in Deutschland. Es handelt sich dabei um die zentralen Systeme, mit denen bösartige Hacker infizierte Geräte fernsteuern. Gleichzeitig wurde die kriminelle Kontrolle über rund 15.000 Websites gekappt. Mehr als 140 Domains, die von den Tätern verwendet wurden, sind nach Angaben des BKA »unschädlich gemacht« worden. Überdies wurden etwa 27 Millionen Zugangsdaten von 385.000 Betroffenen sichergestellt.

Opfer werden gewarnt

Im Zentrum der »Operation Endgame« betitelten Aktion standen die drei weltweit am häufigsten genutzten Schadprogramme »SocGholish«, »Amadey« und »StealC«.

Man habe federführend mit der niederländischen Polizei und weiteren Partnern zahlreiche Server vom Netz genommen und schädliche Domains bereinigen oder stilllegen können, sagte BKA-Vizepräsidentin Martina Link am Mittwoch bei einer Cybersicherheitskonferenz in Potsdam. Die Aktion gelte drei besonders relevanten Schadcode-Varianten. Die Behörden hätten auf den Angreiferservern »eine Vielzahl von Opferdaten sicherstellen können«, so Link, die Betroffenen würden nun gewarnt.

Auch das Sicherheitsteam von Microsoft war an der Aktion beteiligt. Einer Unternehmensauswertung zufolge rangierte Deutschland vom 15. Mai bis zum 25. Juni des Jahres bei den Opferzahlen auf dem zweiten Platz hinter den USA und noch vor China.

Neuartige Waffe gegen Hacker

Der Erfolg war nur durch eine neuartige Kombination aus Technologie und neuen rechtlichen Optionen möglich. Um die Funktionsweise der Schadsoftware zu verstehen, nutzten die Ermittler künstliche Intelligenz, mit deren Hilfe sie den komplexen Code in Minuten statt Tagen analysieren konnten.

Dabei fanden sie heraus, dass die beiden Schadprogramme Amadey und StealC offenbar von unterschiedlichen Kriminellen entwickelt wurden, aber auf dieselbe technische Infrastruktur zurückgreifen. Diese Erkenntnis ermöglichte es dem Anwaltsteam von Microsoft, das US-Gesetz gegen organisierte Kriminalität (RICO – Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act) anzuwenden. Anstatt jedes Schadprogramm isoliert zu bekämpfen, erlaubte das RICO-Gesetz den Ermittlern, die verschiedenen Akteure als Teil einer einzigen globalen kriminellen Verschwörung zu belangen und so das gesamte Netzwerk auf einmal anzugreifen.

Der Einbrecher und der Dieb

Cyberkriminelle gehen bei ihren Straftaten oft schrittweise vor: Mit Programmen wie SocGolish und Amadey, die etwa vortäuschen, vermeintliche Browserupdates zu sein oder über Phishing-Mails verbreitet werden, brechen sie in die Systeme ihrer Opfer ein. StealC wird dann über den so erschlichenen Zugriff auf die Rechner eingeschleust und dient dazu, etwa Passwörter und sensible Daten zu kopieren.

Allein in der ersten Maihälfte waren diese Werkzeuge an mehr als 140.000 Infektionen weltweit beteiligt. Deutschland war bei dieser Stichprobe hinter den USA am stärksten von den Angriffen betroffen. Die Konsequenzen solcher Angriffe sind weitreichend und reichen von lahmgelegten Krankenhäusern zu staatlich unterstützter Spionage. Dazu gehören auch Angriffe der russisch assoziierten Gruppe »Secret Blizzard«, die Amadey für Attacken auf Ziele in der Ukraine nutzte.

Der Erfolg gegen die kriminelle Angriffsserie war maßgeblich internationaler Polizeiarbeit zu verdanken, bei der auch deutsche Ermittler im Fokus standen. Während Microsoft die Bedrohung durch Amadey untersuchte, ermittelte Europols Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität (EC3) parallel gegen das Programm StealC. Hierbei spielte das deutsche Bundeskriminalamt eine wichtige Rolle: Gemeinsam mit niederländischen und dänischen Polizeibehörden gingen die deutschen Beamten im Rahmen der internationalen »Operation Endgame« gegen die kriminelle Infrastruktur vor.

»Operation Endgame« war die bisher größte internationale Polizeiaktion gegen Cyberkriminalität, bei der im Mai 2024 die Infrastruktur der weltweit gefährlichsten Botnet-Loader – darunter auch Amadey – zerschlagen wurde. Unter der Führung von Europol und dem BKA wurden Hunderte Server beschlagnahmt, Millionen infizierter PCs befreit und weltweite Haftbefehle gegen die Hintermänner erlassen.

Die kriminelle Wertschöpfungskette unterbrochen

In Deutschland werden die Ermittlungen unter anderem wegen des Verdachts der banden- und gewerbsmäßigen Erpressung sowie der Erpressung im besonders schweren Fall geführt. »Die Maßnahmen nehmen den Tätern zentrale Werkzeuge aus der Hand, unterbrechen die virtuelle Infektionskette und schützen viele weitere potenzielle Opfer vor diesen Schadsoftware-Varianten«, sagte ein BKA-Sprecher. Mit der Operation sei ein wesentlicher Baustein des kriminellen Wertschöpfungsprozesses der vernetzten und arbeitsteiligen Strukturen im Bereich Cybercrime geschwächt worden. Zudem spürten die Ermittler Kryptowährungen im Wert von mehr als 47 Millionen US-Dollar »kriminellen Ursprungs« auf. Allerdings konnten diese Beträge bisher nicht beschlagnahmt, sondern nur deren Nutzung eingeschränkt werden.

Carsten Meywirth, Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA, sagte: »Mit der Fortsetzung der Operation Endgame sind wir erneut gegen die technischen Infrastrukturen vorgegangen, auf die sich zahlreiche Cyberkriminelle weltweit verlassen haben.« Dadurch sei auch die Erstinfektion einer Vielzahl weltweiter Opfersysteme unterbunden worden. »Das zeigt, dass die internationalen Strafverfolgungsbehörden Cybercrime grenzüberschreitend alle rechtlichen Mittel entgegensetzen, auch in enger Zusammenarbeit mit dem Privatsektor.«