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„Lex SpaceX“? Nasdaq ändert Indexregeln für Musks Börsengang
Dr. Volker Zota · 2026-05-28 · via heise online News

SpaceX, zu dem inzwischen auch der Satelliteninternet-Dienst Starlink, die KI-Firma xAI und die Social-Media-Plattform X gehören, plant für den 12. Juni 2026 den nach aktuellem Stand größten Börsengang der Geschichte – und benötigt das Kapital dringend: Das Unternehmen rutschte im Jahr 2025 von 791 Millionen US-Dollar Gewinn in einen Verlust in Höhe von 4,9 Milliarden US-Dollar, im ersten Quartal 2026 kamen weitere 4,3 Milliarden hinzu. Profitabel ist nur Starlink, während die Kosten für die Starship-Entwicklung und die Eingliederung von xAI und X das Unternehmen tief in die roten Zahlen treiben. 75 Milliarden US-Dollar frisches Kapital soll der Börsengang bei einer angestrebten Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar bringen – so viel wie bei keinem Unternehmen je zuvor.

Damit SpaceX dabei möglichst schnell in den wichtigsten Leitindex einziehen kann, hat die Nasdaq – wie andere Indizes auch – ihre Indexregeln geändert. Das Ergebnis: ETF-Sparpläne, Pensionsfonds und künftig womöglich auch die deutsche Aktienrente kaufen SpaceX automatisch.

Volker Zota leitet heise online als Chefredakteur. Als promovierter Physiker hat er naturgemäß einen Blick für Details: Ihn reizen komplexe Zusammenhänge, fundierte Analysen und neue Erkenntnisse.

Die Nasdaq begründet die Änderung offiziell damit, dass Unternehmen heute länger privat blieben und bei größerer Marktkapitalisierung sowie mit komplexeren Aktienstrukturen an die Börse gingen. Die neuen Indexregeln seien nach einer Konsultation aller Marktteilnehmer erfolgt und stellten eine „maßvolle Reaktion auf strukturelle Verschiebungen in den öffentlichen Märkten“ dar.

Reuters veröffentlichte bereits im März unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen eine weniger diplomatische Begründung: SpaceX soll frühzeitig signalisiert haben, dass die schnelle Indexaufnahme eine zentrale Bedingung für die Börsenwahl sei.

Die Technologiebörse Nasdaq und die konkurrierende New York Stock Exchange (NYSE) buhlten beide um das Listing. Nasdaq änderte seine Index-Regeln, SpaceX entschied sich für sie. Für den Börsenbetreiber ist das ein knallhartes Geschäftsmodell. Er gewinnt das Listing, kassiert die Handelsgebühren – und garantiert SpaceX durch die Indexmechanik eine Welle erzwungener Käufer. Diese schlägt allerdings nicht direkt beim IPO am 12. Juni zu, sondern nach Ablauf von 15 Handelstagen – in diesem Jahr also ab dem 7. Juli.

Das Konsultationsdokument vom Februar 2026 beschreibt den Fast-Entry-Pfad im Detail: Ein neu gelistetes Unternehmen, das nach Marktkapitalisierung unter den Top-40-Bestandteilen des Nasdaq-100 rangiert, wird nach insgesamt 15 Handelstagen aufgenommen – befreit von bisherigen Seasoning- und Liquiditätsanforderungen. Die Kommentarfrist endete am 27. Februar, die Regel trat am 1. Mai in Kraft. Timing und Struktur passen exakt.

Die Nasdaq ist nicht nur eine Börse, an der Technologieaktien gehandelt werden. Sie betreibt auch den Nasdaq-100, einen der meistgenutzten Aktienindizes der Welt, der die 100 größten dort notierten Nicht-Finanzunternehmen umfasst – von Apple über Microsoft bis Nvidia.

Dieser Index ist unter anderem die Grundlage für Tausende von ETFs (Exchange Traded Funds, also börsengehandelte Indexfonds), in die Millionen Privatanleger weltweit monatlich einzahlen. Ein ETF kauft dabei automatisch alle Aktien, die im Index enthalten sind – in genau der Gewichtung, die der Index vorgibt. Kein Fondsmanager entscheidet, ob eine Aktie gut oder schlecht ist. Der Index entscheidet. Wer also einen Nasdaq-100-ETF im Sparplan hat, besitzt automatisch einen kleinen Anteil an allen 100 Unternehmen im Index – und künftig womöglich auch an SpaceX.

Zugleich hat Nasdaq die bisherige Mindest-Streubesitzanforderung von zehn Prozent abgeschafft. Streubesitz (Free Float) bezeichnet den Anteil einer Aktie, der tatsächlich frei handelbar ist – also nicht von Gründern, Insidern oder strategischen Investoren dauerhaft gehalten wird. Laut der offiziellen Nasdaq-FAQ zur Methodikänderung erhalten Unternehmen mit niedrigem Free Float nun ein zunächst reduziertes, dann schrittweise wachsendes Indexgewicht. Wenn Nasdaq-100-Tracking-Produkte kollektiv 600 Milliarden US-Dollar an Vermögen halten, erzeugt allein die Indexaufnahme eine mechanische Nachfrage von rund 6 Milliarden US-Dollar – ausgelöst nicht durch eine Anlageentscheidung, sondern durch eine Regeländerung.

Diese Nachfrage trifft allerdings nicht sofort zum Börsenstart ein. Während aktive Anleger ab dem 12. Juni frei handeln und womöglich auf den Index-Effekt spekulieren können, müssen die passiven Indexfonds bis zum Ablauf der 15-Handelstage-Frist warten, bevor sie Anfang Juli mechanisch Milliarden in den Markt pumpen.

Hinzu kommt: Laut S-1-Prospekt hat SpaceX die übliche starre Lock-up-Periode – in der Insider ihre Aktien nach dem Börsengang nicht verkaufen dürfen – durch ein gestaffeltes System ersetzt, das den Streubesitz deutlich schneller wachsen lässt als bei einem klassischen Börsengang. Das begünstigt eine raschere und höhere Gewichtung im Nasdaq-100 – und bedeutet: Insider könnten verkaufen, während die Aktie durch Käufe der Indexfonds hochgetrieben wird.

Für die größten US-Pensionsfonds ist die Kombination aus Fast Entry und SpaceXs Governance-Struktur besonders brisant – denn sie werden durch die Indexmechanik zu Aktionären eines Unternehmens, dessen Regeln sie öffentlich ablehnen. Der New York State Common Retirement Fund, die fünf New Yorker Stadtpensionsfonds und CalPERS (der größte öffentliche Pensionsfonds der USA für Staatsbedienstete Kaliforniens) verwalten zusammen mehr als eine Billion US-Dollar – gehalten für Millionen aktiver und pensionierter Staatsbediensteter, Lehrer, Feuerwehrleute, Polizisten und Krankenschwestern.

In einem offiziellen Brief an SpaceX haben CalPERS-Chefin Marcie Frost, New Yorker Staatscontroller Thomas DiNapoli und New Yorker Stadtcontroller Mark Levine gewarnt: SpaceXs geplante Unternehmensstruktur sei die „managementfreundlichste Governance-Struktur, die je an den US-Märkten in diesem Ausmaß eingeführt wurde“. Konkret kritisieren sie laut der offiziellen Pressemitteilung des NYC Comptrollers die geplanten „ewigen Super-Voting-Aktien“ sowie eine CEO-Abberufungsklausel, die die Zustimmung des CEOs zu seiner eigenen Entlassung voraussetzt.

SpaceX plant eine Dual-Class-Aktienstruktur: Normale Aktionäre erhalten Class-A-Aktien mit je einer Stimme. Musk und eine kleine Gruppe von Insidern halten Class-B-Aktien, die jeweils zehn Stimmen tragen. Das ist die komplexere Aktienstruktur, von der die Nasdaq spricht. Unterschiedliche Stimmrechte sind im US-Tech-Sektor nicht ungewöhnlich, auch Alphabet, Meta oder Snap nutzen Dual-Class-Strukturen. Im Fall SpaceX gehen sie jedoch in Kombination mit weiteren Klauseln deutlich über das Übliche hinaus. Das Ergebnis laut S-1-Prospekt: Musk hält rund 42 Prozent des Eigenkapitals, kontrolliert aber rund 85,1 Prozent (pre-IPO; post-IPO projiziert auf ~79 Prozent) aller Stimmrechte. Wer SpaceX-Aktien kauft, kauft damit praktisch eine Beteiligung ohne echten Einfluss – wie eine Analyse zu SpaceXs Stimmrechtsstruktur zeigt.

Hinzu kommt, dass laut dem Brief der Pensionsfonds Aktionäre durch Pflichtschiedsverfahren (Mandatory Arbitration) daran gehindert sind, Sammelklagen vor Bundesgerichten einzureichen – weder als Kleinanleger noch als große Institutionen wie CalPERS. Das bedeutet, wer als Anleger Schaden nimmt, kann sich kaum gerichtlich wehren.

Für die gesetzliche Rente, klassische Lebensversicherungen und garantiebasierte Rentenprodukte ohne Fondskomponente gilt: Sie sind nicht betroffen.

Für alle anderen hängt es davon ab, was im Sparvertrag steckt. Wer einen Nasdaq-100-ETF bespart, wird somit automatisch SpaceX-Aktionär: als direkter ETF-Sparplan bei Trade Republic, Scalable oder der Hausbank, als fondsgebundene Rentenversicherung mit Nasdaq-Komponente, als Rürup-Rente mit freier ETF-Wahl oder als betriebliche Altersvorsorge mit ETF-Baustein.

Wer stattdessen einen MSCI World oder S&P 500 ETF bespart, ist indirekt betroffen: SpaceX würde dort ebenfalls aufgenommen – mit kleinerem, aber wachsendem Gewicht. Am wenigsten exponiert sind Riester-Fondssparpläne, weil die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestgarantien die Aktienquote stark begrenzen – und viele Anbieter solche Pläne für Neukunden ohnehin eingestellt haben.

Für indexbasierte Produkte auf den Nasdaq-100 gilt eine besondere Mechanik: Laut der oben genannten Nasdaq-Methodik könnten die ersten Auswirkungen bereits bei der planmäßigen Indexrekonstitution im Juni 2026 sichtbar werden – Anlageprodukte, die diesen Index abbilden, würden diese US-Marktmechanik direkt importieren.

Die Fast-Entry-Regel ist keine Einmalaktion. Die Nasdaq selbst betont, dass die Änderungen eine Reaktion auf strukturelle Verschiebungen in den öffentlichen Märkten seien und branchenübergreifend gelten. Laut Reuters bereiten sich auch OpenAI und Anthropic auf Börsengänge vor, die strukturell dieselben Fast-Entry-Kriterien erfüllen würden. Die Fast-Entry-Regel könnte zur Blaupause werden, über die künftig auch andere teils unprofitable Tech-Giganten schnell in die großen Indizes gehievt werden – mit denselben Zwangskauf-Mechanismen für passive Anleger.

Die Frage, wer die Regeln einer Finanzinfrastruktur schreibt, die bis in Altersvorsorgeprodukte hineinwirkt, ist letztlich eine politische. Von Seiten der Nasdaq heißt es, dass die Methodikupdates einem formellen öffentlichen Konsultationsprozess folgten und internationalen Standards für Finanzbenchmarks entsprächen. Kritiker betonen allerdings, ein Konsultationsprozess unter Marktteilnehmern sei kein demokratisches Mandat.

Die sich beklagenden Pensionsfonds sehen in SpaceXs Konstruktion ein Muster: Vergütung außerhalb üblicher Kontrollen, Verlagerung in Bundesstaaten mit schwachen Aktionärsrechten, ein Gründer, der sich strukturell gegen Abberufung absichert. Für institutionelle Investoren sei das ein Risiko, das eingepreist werden müsse.

Nun mag man sich fragen, warum dem keine regulatorischen Schranken entgegenstehen. Tatsächlich macht die Politik selbst mit: SEC-Chef Paul Atkins argumentiert, zu viele Regeln schreckten Unternehmen vom Börsengang ab – Unternehmen sollen optional wählen können, die Quartalspflichtberichte durch halbjährliche Berichte zu ersetzen, das Ziel sei, Amerika wieder attraktiv für Investitionen zu machen. Gegenstimmen gibt es, diese blieben jedoch bisher weitgehend ungehört: Die Gewerkschaft American Federation of Teachers hat in einem Brief an die SEC gefordert, den SpaceX-IPO genau zu prüfen – „kein gewöhnliches Angebot“, dessen Größe, Governance und Listing-Mechanismus zahlreiche Warnzeichen für den Anlegerschutz aufwerfen würden.

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(vza)