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Wirtschaftsweiser: Warum hohe Spritpreise gut für Deutschland sein können
Florian Pillau · 2026-06-23 · via heise online News

Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr kommentiert in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die ökonomischen Folgen des Iran-Konflikts, kritisiert staatliche Eingriffe in die Preisbildung und plädiert für den CO₂-Preis als zentrales Steuerungsinstrument. Die weitere Reduzierung fossiler Energien sei ökonomisch alternativlos und werde sich am Markt allein durch die geringeren Kosten durchsetzen. Sie sei daher weder durch politische Nostalgie noch durch staatliche Eingriffe wie den Tankrabatt aufzuhalten.

Seit März 2026 ist Felbermayr Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung und wurde für eine Amtszeit bis Februar 2031 berufen. Wie der Sachverständigenrat mitteilte, gilt der Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) als ausgewiesener Experte für Handelspolitik und Geoökonomie.

Der leichte Konjunkturaufschwung um den Jahreswechsel 2025/26 sei durch die Energiepreisschocks infolge der zeitweisen Blockade der Straße von Hormus gedämpft worden. Durch die Meerenge liefen zuvor rund 20 Prozent der globalen Ölproduktion. Dass der Preisanstieg dennoch „relativ verhalten“ ausfiel, führt er darauf zurück, dass andere Förderländer ihre Produktion hochgefahren hätten und die OPEC durch das Ausscheiden der Vereinigten Arabischen Emirate geschwächt sei. Seitdem nach einem von Donald Trump verkündeten „Deal“ mit Iran die Passage wieder geöffnet sei, könnten die Preise stärker fallen als erwartet.

Deutschlands besondere Verwundbarkeit erklärt Felbermayr mit dem im EU-Vergleich noch stärker fossil geprägten Energiemix und dem hohen Anteil energieintensiver Industrie, insbesondere der Chemie. Frankreich habe seine Stromerzeugung „schon lange durch die Atomkraft dekarbonisiert“, skandinavische Länder setzten auf Wasserkraft und Wind. In einer Situation, in der Deutschland „kaum wächst“, könne ein Preisschock „das letzte bisschen Dynamik kosten“.

Ladeanschluss Fiat 500e

Deutschland ist in den vergangenen Jahren bei der Dekarbonisierung der Stromerzeugung durchaus vorangekommen. Jeder Fortschritt in dieser Hinsicht macht den Betrieb von Elektroautos weniger umweltschädlich.

(Bild: Florian Pillau / heise Medien)

Besonders scharf kritisiert der Ökonom den deutschen Tankrabatt. „Das ist schlechte Wirtschaftspolitik. Durch den Versuch, eine Knappheit zu vertuschen, macht man sie noch schlimmer“, sagt Felbermayr. Wenn viele Länder den Verbrauch von Kraftstoffen subventionierten, treibe das die Nachfrage und damit die Weltmarktpreise weiter nach oben. Profiteure seien in erster Linie Erdölproduzenten und Raffinerien. Statt solcher Subventionen fordert er gezielte sozialpolitische Maßnahmen nur für diejenigen, die existenziell betroffen seien.

Ansonsten sei „Nichtstun“ die beste Lösung. Als Konservativer ist Felbermayr überzeugt, dass die Verwaltung der Knappheit über Märkte und Preissignale effizienter funktioniere als jede politische Steuerung. Er räumt ein, dass bei hohen Preisen Wohlhabende weiter konsumieren, während Einkommensschwache sich einschränken müssten. Dennoch sei dies weniger problematisch als ein politisch gesteuerter Preisdeckel, bei dem Verteilungskämpfe darüber entstünden, „wer wie viel Öl kriegt“.

Den CO₂-Preis bezeichnet Felbermayr als „Leitinstrument der Klimapolitik“. Kleinteilige Regelungen wie das „Verbrenner-Verbot“ oder exzessive Heizungsförderprogramme seien dagegen politisch polarisierend und teilweise ineffektiv. Sie seien aus der Annahme entstanden, der CO₂-Preis wirke nicht schnell genug. „Wenn man sich weiter an ihn hält, braucht man den ganzen Zinnober nicht.“ Doch sind das in den Augen des Wirtschaftsfachmanns allerdings Kleinigkeiten im Vergleich zur Idee, das EU-Klimaziel nach hinten zu verschieben, denn dies würde die CO₂-Preise senken und Dekarbonisierungsanreize verringern.

Eine pauschale Rückverteilung der Einnahmen aus dem CO₂-Preis als „Klimageld“ lehnt er ab. Stattdessen solle das Geld genutzt werden, um Verhalten gezielt zu steuern: „Je teurer man die Fossilen macht, desto billiger sollte man Strom machen“, fordert Felbermayr. Konkret schlägt er vor, mit den Einnahmen aus Kraftstoffabgaben die Stromsteuern und Leitungsgebühren zu senken, um den Betrieb von Elektroautos noch günstiger zu machen.

In hohen Benzinpreisen sieht Felbermayr einen positiven Nebeneffekt: Sie brächten Deutsche dazu, Elektroautos zu kaufen. Dabei würdigt er ausdrücklich die Rolle chinesischer Hersteller, die trotz Zöllen mit günstigen E-Autos nach Deutschland drängten und damit das Preisniveau insgesamt senkten: „Chinas Autohersteller haben die Deutschen zu E-Auto-Käufern gemacht, viel mehr als die Förderung der deutschen Regierung“. Man müsse kein chinesisches Auto kaufen, um von diesem Wettbewerb zu profitieren.